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Geschichten aus dem Westen – Tagebuch eines Schüleraustauschs Teil 2

 

Schon als wir an diesem Morgen den Parkplatz der Lincoln High erreichen können wir von weitem sehen, dass die „Homecommig Week“ begonnen hat. Alle Bäume auf dem Schulgelände tragen eine wunderhübsche Dekoration aus Klopapier, welches in langen Bahnen bis auf den Boden hängt. Auch im Inneren hat es einige Verschönerungen geben. Allerdings kann man hier wirklich von Verschönerungen sprechen. In der Nacht zu Montag haben Schüler unterschiedlicher Jahrgänge jeweils eine Etage der Lincoln dekoriert. Das Erdgeschoss trägt die Farbe alle Schulsportmannschaften: rot, schwarz und weiß. Alles unter dem Motto „Pride Ships“ [Alle Mannschaften der Lincoln heißen Ships, da Manitowoc eine große Geschichte als Schiffsbauerstadt hat.] Der zweite Stock, in welchem unter anderem die Fremdsprachenräume sind, trägt das Motto „Sugar Land“ und ist bunt dekoriert und mit Plakaten versehen. Besonders gelungen finde ich die Clownfigur mit dem Gesicht von Mr. Glandt, unserem Austauschkollegen.

Auffällig auf den Fluren sind Schüler in so gar nicht aktueller Kleidung. Die schrillen Neonfarben der Achtziger treffen auf Modesünden der frühen 90er, aber auch Klassiker aus den 70ern laufen einem häufig über den Weg. Die ganze Woche hat für jeden Tag ein eigenes Motto. Heute ist „Retro-Tag“. Am Ende des Tages werden sogar die Schüler prämiert, welche am besten das Tagesmotto umgesetzt haben. [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Hier könnten sich unsere 10er evtl. mal ein Beispiel daran nehmen, die Beteiligung von Schülerseite ist wesentlich höher. Allerdings haben die Mottos durchaus auch sinnvolle Bezüge ;-) Wobei ich auf eine Krümelmonsterfigur mit meinem Gesicht verzichten könnte. Ich nehme nur die Kekse.]

Für alle die mit Homecomming nicht so vertraut sind (wie ich zum Beispiel), hier eine kurze Erklärung worum es sich eigentlich handelt: Im Sinne des Wortes bedeutet es die Heimkehr der Ehemaligen, für Sie werden von den aktuellen Schülern, insbesondere dem kommenden Abgangsjahrgang, spezielle Sport- und Kulturveranstaltungen gemacht. Ebenso sollen Paraden und ähnliches das Ansehen der Schule ehren und mehren. Höhepunkt der Woche ist der Homecomming-Ball. [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Verstehen kann ich den Aufriss um Homecomming allerdings nicht, auch viele (eigentlich alle) Lehrer sind eher genervt als angetan. Am wenigsten verstehe ich das Ding mit dem Ball: Homecomming ist für die Ehemaligen, aber am Ball dürfen diese nicht teilnehmen!?]

Trotz allem Homecommingfieber läuft der Unterricht vollkommen normal und gesittet ab. Ja, die Tatsache, dass hier jeder ständig sein Smartphone benutzt ist irritierend, aber kostenfreies W-Lan für jeden ist durchaus praktisch. Die ganze Sache wird hier wesentlich lockerer gesehen als bei uns in Deutschland. Einzige Ausnahme: unerlaubte Aufnahmen im Unterricht führen zu einem massiven Tadel, wenn nicht sogar umgehend zu einem Schulverweis. Überhaupt werden gewisse Dinge wesentlich strenger von der Schulleitung gehandhabt: Pünktlichkeit und angemessene Kleidung. Wer nach dem Klingeln kommt, der kommt nicht mehr ins Gebäude, bzw. muss dann direkt zur Schulleitung. Bauchfreie Tops oder Hosen bei denen man dem Träger ein paar Hosenträger (oder besseren Geschmack bei der Auswahl der Unterwäsche wünschen würde) sind hier nicht zu sehen. [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Wie schön das Jogginghosen hier nur getragen werden, wenn man wirklich Sporttraining hat, und nicht als reguläres Kleidungsstück für jeden Anlass].

Im Deutschunterricht wird heute auch ein wenig gespielt. Es mag auf den Bildern evtl. ein wenig befremdlich wirken, aber mit der Fliegenklatsche werden nicht diejenigen geschlagen die ihre Vokabeln nicht gelernt haben, sondern die Tafeln. [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Ein solches Spiel wäre bei uns nicht denkbar, weil wir uns an all den Materialien totschleppen würden. Ich liebe dieses „Die Schüler wechseln zum Fachlehrer in seinen Raum Prinzip] Immer wieder sehen wir einzelne Schüler die zwischen den Stunden kurz vorbeischauen, in den Deutschunterricht kommen, oder einfach nur auf dem Flur vorbeilaufen auf dem Weg zu nächsten Stunde. Und wieder neigt sich ein Schultag dem Ende.

Der Dienstag beschert uns einen Ausflug nach Madison, die Hauptstadt des Bundesstaats Wisconsin. Bereits gestern nach der Schule haben wir uns um die Busse gekümmert, so dass wir sie am Morgen nur abholen müssen um mit den Schülern auf die Fahrt zu gehen. Die einfache Fahrt dauert ohne Pause gut 2,5 Stunden, jede Menge Zeit für die Jungs und Mädels zu quatschen, Blödsinn zu machen und zur Musik aus dem Radio zu singen. [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Manchmal wünsche ich mir eine Kamera am Rückspiegel, damit ich mehr von den Schülern mitbekomme, wie sie im Bus singen, tanzen und ähnlichen Blödsinn veranstalten. Aber leider bleibt mein Blick auf der Straße].

Vor Madison machen wir eine Pause in einer Shopping Mall und schneller als wir schauen können sind alle in der Mall verschwunden. Was machen Lehrer in so einem Moment? Richtig! Kaffee trinken.
Vollgepackt mit Tüten und erleichterten Geldbörsen kommen die Schüler wieder an den Treffpunkt. Einige haben es sogar geschafft noch was zu essen, was der eigentliche Grund für den Stopp war. Nur zwei Jungs kommen in aller Seelenruhe zu spät.
Das Capitol in Madison ist immer wieder ein toller Anblick. Vom Grundriss und vom Aufbau her ist dieses 1917 fertiggestellte Gebäude identisch mit dem Capitol in Washington D.C., lediglich ein wenig kleiner von der Höhe. Überall finden sich symbolhafte Gemälde, Mosaike oder in der Architektur versteckte Symbole, die bei der Tour zwar schnell aber verständlich erklärt werden. Wie bei jedem Austausch steht in der Rotunda des Capitols jemand der gegen irgendwas demonstriert und dabei lautstark singt. Diesmal leider sehr laut und sehr falsch. [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Leider sehen wir dieses Mal nicht alles auf unserer Tour, weil einige Räume wegen Tagungen oder Konferenzen belegt sind. Besonders schade finde ich, dass wir der Badgerfigur (Badger = Dachs, das Symbol für Wisconsin) diesmal nicht die Schnauze streicheln können, hat es uns doch bisher immer Glück gebracht für den Austausch. Zum Glück bin ich nur selten abergläubisch].
Den Abschluss findet die Tour wieder auf dem Außenrundgang der Kuppel (welche übrigens zu den größten der Welt gehört). Spätestens hier finden alle Schüler heraus, dass das Capitol seinen Besuchern kostenfreies WiFi (W-Lan) anbietet. Die meiste Zeit geht bei vielen nicht dafür drauf die Aussicht zu genießen, sondern die „wichtigsten“ Neuigkeiten aus der Heimat zu lesen, staatstragende Nachrichten zu schreiben oder sonstiges. Ein paar wenige genießen die Aussicht und machen Fotos, selbstverständlich mit dem Smartphone um sie gleich bei Facebook oder Snapchat zu posten.

Der Heimweg gestaltet sich am Anfang schwierig, da wir irgendwie drei Mal im Kreis fahren, aber das sind wir auf dem Hinweg auch bis wir ein Parkhaus gefunden haben in welches der Bus auch reinpasst. Jetzt sind wir auf dem Heimweg und ohne große Zwischenstopps auch irgendwann in Manitowoc. [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Was genau verstehen Schüler eigentlich immer nicht an den Sätzten: „Hebt den Müll den ihr gemacht habt bitte auf!“ oder „Macht bitte die Krümel weg und hebt die zertrampelten Kekse vom Teppich auch!“ ??? Ich glaube ich muss mal einen VHS-Kurs „Kommunikation mit Jugendlichen 2016“ besuchen].

Der Mittwoch hält ein weiteres Abenteuer für uns bereit, einen „Mountainman Day“ beim Sportsmen Club in Maribel. Von der Lincoln fahren wir in Richtung Maribel, die Sonne scheint, der Himmel ist blau und langsam beginnen sich die Blätter an den Bäumen zu verfärben. Ein Farbenspiel von grünen, gelben, orangen und roten Blättern. Was kann es schöneres geben als bei so einem Wetter einen Mountainman Tag zu machen. Wir werden bereits von den drei Herren vom Club erwartet. Im Laufe des Vormittages lernen und erfahren die Schüler viel über das Leben der Mountainman vor 150 Jahren. Es ist erstaunlich mit welchem Elan insbesondere auch die Schülerinnen Baumstämme zersägen, Holz spalten, Feuer machen oder Bogenschießen. Von Station zu Station arbeiten sich die Schüler vor und probieren und machen und tun. Wirklich faszinierend. [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Schnell kristallisieren sich Lieblingsdisziplinen der einzelnen heraus und Sie arbeiten an diesen Stationen an Ihren Fähigkeiten weiter. Die sind alle so schnell so gut geworden! Zoe spaltet Baumstämme wie nichts, Darin und Manuel sind inzwischen sehr zielsicher mit dem Tomahawk und eine ganze Reihe von Mädels ist sehr zielsicher mit Pfeil und Bogen. Ich glaube wenn wir auf einer einsamen Insel landen sollten würde ich mir mit dieser Gruppe keine Sorgen über unser Überleben machen. Wir diskutieren kurzfristig über „Hungerspiele“ im Zellhäuser Wald an Stelle einer „langweiligen“ Projektwoche, oder vielleicht eine Woche Abenteuer im Wald an Stelle einer Studienfahrt!?…]
Als wir das Ende des Vormittags erreichen strahlen alle über ihr ganzes Gesicht und auch die drei Herren vom Club sind von unseren Schülern schwer begeistert und freuen sich schon den ganzen Tag über jeden Freudenjubel von Ihnen, und davon gibt es eine ganze Menge.

Der Donnerstag ist wieder ein regulärer Schultag für uns und unsere Schüler. Für den Kollegen und mich beginnt der Schultag damit, dass wir als Teil eines Tests den Text einer Hörverstehensübung für den Deutschkurs 1 vorlesen. [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Warum klingen eigentlich alle Hörverstehensübungen so gekünstelt? Selbst als wir beiden den Text vorlesen sprechen wir ü-b-e-r-d-e-u-t-l-i-c-h.] Nebenher sind wir am Organisieren, planen, kleine Probleme abarbeiten, Finanzen überprüfen, Kalkulation anpassen usw. In der Lincoln High werden dann Kontakte zu anderen Lehrer gepflegt, Gespräche mit Schülern und/oder Gastgeschwistern geführt, aber auch eine ehemalige Deutschschülerin von Mr. Glandt ist zu besuch. Letztes Jahr ist sie mit in Deutschland gewesen und würde dies jederzeit wieder machen. Eine bessere Werbung für den Austausch hätten wir uns eigentlich gar nicht wünschen können. Mal schauen wie viele Interessierte nächste Woche zum Vortreffen kommen. Anders als bei uns findet hier kein Casting statt, da die Schüler wesentlich mehr für den Austausch zahlen als unsere. Allerdings müssen sie eine Art Empfehlungsschreiben haben, welches (wenn ich es richtig verstanden habe) von einer sozialen Einrichtung, einem Arbeitgeber oder sonst jemandem außerhalb der Schule ausgestellt werden muss. [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Vielleicht sollten wir die Fragebogengeschichte nochmal erweitern oder umgestalten. Ich sollte mal mit Tibor sprechen.]
Ich besuche den Orchesterunterricht von Monika, sie ist Lehrerin für Musik und gleichzeitig eine unserer Host-Moms. Das Orchester reist im kommenden Jahr nach London und ihr Host-Sohn hat im vergangenen Jahr eine Präsentation über London gehalten, welche er jetzt den Orchesterschülern vorstellt. [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Ich bin ein wenig begeistert, dass er 1) diese Präsentation auf dem Stick dabei hat 2) sie vollkommen unvorbereitet fast fehlerfrei hält und 3) den Schüler schon mal einen Eindruck von London vermittelt. Er bekommt Lob von den Schülern, auch für sein Englisch. Sinngemäß übersetzt: „Hey, er hat das gut gemacht. Sein Englisch ist besser als das von manchen von uns.“]
 

Lambeau Field ist unser Ziel für den Freitag, das Stadion der Green Bay Packers. Eines der „Heiligtümer“ im Staate Wisconsin. Die Packers sind eine der ältesten Football Mannschaften in der NFL und können auf eine spannende Geschichte zurückblicken. Die Beliebtheit zeigt sich an der Tatsache, dass es unmöglich ist Saisontickets zu bekommen, diese werden im wahrsten Sinne vererbt. Das Stadion ist ein beeindruckendes Gebäude in welchem 363 Tage im Jahr etwas los ist, nur Ostern und Weihnachten ist es geschlossen. Hier finden Feiern, Konferenzen, Hochzeiten und sonstige Veranstaltungen statt. Neben der Spiele rund 800 Veranstaltungen im Jahr. Stephen unser Tourguide nimmt uns mit auf eine kurzweilige, informative Tour durch das Stadion. Von einer Besucherkabine aus haben wir einen ersten Blick auf das Innere des Stadions. Ein beeindruckender Anblick! Aber auch hier wieder ein Superlativ, es ist eines der größten Stadien in den USA. Mit dem Aufzug geht es in die Katakomben des Stadions. Wir nehmen den gleichen Weg in das Stadioninnere wie die Spieler, und typisch amerikanisch flammt die Beleuchtung auf und Stadionjubel wird eingeblendet als wir in das Stadion „einlaufen“. Im Inneren wirkt es gigantisch das Stadion, durchaus beeindruckend! [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Egal wie beeindruckend das Stadion ist, ich werde mich nicht auf die Warteliste für Saisontickets setzen lassen. Erstens: finde ich diese Sportart unglaublich langweilig und zweitens: Was soll ich in 1200 Jahren mit Saisontickets?]

Wieder hören wir den Satz den wir schon so oft auf diesem und den vergangenen Austauschfahrten gehört haben: „Es ist so toll hier, können wir nicht länger bleiben!?“ oder „Wollen sie uns nicht hier vergessen und ohne uns zurückfliegen!?“

Wochenende!