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Tagebuch einer Klassenfahrt
Berlin vom 15. bis 19. Juni 2009

15. Juni
Das Handy vibriert, ich werde wach und schaue panisch auf die Uhr. 05:14 Uhr. Verdammt verschlafen! Jetzt aber eilig und los. Mit leichter Verspätung komme ich an der Schule an, ich bin nicht der Letzte. Wir fahren los und ich tue es den Schülern gleich: Ich schlafe noch ein wenig.
1. Rast: Ich beobachte die Schüler und stelle fest, dass ich nur zwei namentlich kenne. Ergo: Namen lernen.
Ankunft in Berlin. Das Jugendhotel ist ein klarer Aufstieg gegenüber dem des letzten Jahres. Mit meiner Tasche kämpfe ich mich in den 4. Stock und irre durch die Flure zu meinem Zimmer. Als ich meine Tür öffne kommt wahre Freude auf, ich wohne scheinbar neben dem Ballermannstimmungs- und Schlagerzimmer. Ich bin froh, dass es keines unserer Zimmer ist!
Unsere Schüler sind nett und umgänglich, sie heben sich von zahlreichen anderen ab, auch wenn sie sich unbeobachtet fühlen.
Das Abendessen ist mies!
Später sitzen wird im Eingangsbereich und lesen. Der Kollegin und mir drängt sich die Frage auf: „Zu wem gehören den die stark alkoholisierten Schüler die zwischen 23 und 1Uhr mehr in unsere Unterkunft fallen als laufen?“ Wir erhalten keine Antwort. Unsere Schüler sind nüchtern und gut gelaunt.
1.30 Uhr. Jetzt ist gut, alle auf die Zimmer! Es wird gemault aber sie gehen. Ich glaube an eine entspannte Woche! Alle gehen auf ihre Zimmer, meine Nachbarn machen Party. Aber zu wem gehören die? Eine Kollegin mit finsterem Blick erscheint, fünf Minuten später ist Ruhe. Schnell schlafe ich ein.

Nachtrag: Die Kollegin wird die Nacht mehrfach aus dem Bett geschreckt, auch unsere sind beteiligt.

16. Juni
6.30Uhr: Warum wache ich eigentlich auf? Blöde innere Uhr.
8.30Uhr: Frühstück. Alle pünktlich! Einige wirken müde, aber das gehört ja auch irgendwo dazu. Das Frühstück ist gut.
Wir laufen zu „Story of Berlin“. Alleine das Wort „laufen“ löst große Unmutsbekundungen aus. Ich schalte auf Durchzug und laufe voraus. Das ständige Abbiegen führt zu der Frage nach meiner Orientierungskompetenz. Klar weiß ich wie wir laufen!
Angekommen geht es für uns direkt in den Atombunker. Die Schüler sind aufmerksam und scheinen interessiert an den Schilderungen. Irgendwie freue ich mich. Im Museum beginnt das Genöle. Während ich flüchtig durch den 1. Raum streife, ich kenne die Ausstellung ja, sehe ich die Schüler zum Treffpunkt eilen. Demonstrativ lese ich jede Tafel der tollen Ausstellung. Den Gefallen früher am Treffpunkt zu sein tue ich ihnen nicht. Ich führe die Gruppe im Schnelldurchlauf durch die wichtigen Epochen. Der Geschichtskollege hat gute Arbeit geleistet, vieles können sich die Schüler gegenseitig erklären.
Auf dem Weg in die Mittagspause treffen wir eine der Parallelklassen; großes Hallo. Die Schüler jammern sich gegenseitig vor wie schlimm alles sei. Ist das wie beim Skat? Ich muss mehr bieten!? Die Aussage Kollege M. habe zwei große Insel-Eistee konfisziert und getrunken erscheint mir unglaubwürdig.
Entspannte Mittagspause, alle Schüler nahezu pünktlich. Wir teilen die Gruppe. Ich fahre mit sieben Jungs in das Olympiastadion. Eine sehr angenehme Gruppe, ohne maulen und Stress ziehen wir los. Im Stadion sind die Schüler in ihrem Element, aber auch 1,5 Stunden später sind sie noch empfänglich für historische Anmerkungen. Die ideologiebehaftete Architektur und Planung der Anlage bezeichnen sie als „Wahnsinn“.
Auf dem Kurfürstendamm zurück dürfen sie sich frei bewegen, zu meiner großen Überraschung treffe ich die Schüler wenig später, sichtlich beeindruckt, in der Gedächtniskirche. Sie bestaunen die Mosaike.
Ich bin beeindruckt von den Schülern und freue mich mit dieser Klasse unterwegs zu sein!
18Uhr Treffpunkt Alex. Wollten wir uns nicht an der Weltzeituhr treffen? Na gut, dann hat Fernsehturm. Kaum sind alle zusammen beginnt das große Wehklagen und Motzen, entnervt entlassen wir sie zum Abendessen.
Als ich spät am Abend in das Hotel komme ist einzig meine Kollegin sichtbar. Das Hotel gleicht einer Partyburg. Ich versuche auf meinem Gang für Ruhe zu sorgen, auch wenn es nicht unsere Schüler sind.
Mein Erfolg reicht zumindest bis zum Einschlafen.

17. Juni
Der Frust beginnt beim Frühstück: zahlreiche Schüler kommen sehr verspätet zu unserem Frühstückstermin, ein ganzes Zimmer erscheint gar nicht. Konsequenz: Heute Abend ab 1Uhr kontrollierte Bettruhe.
Unsere Blicke unterbinden aufkeimenden Protest. Auch die Schüler die pünktlich waren können eine Mütze Schlaf gut gebrauchen.
Im Bus herrscht Ruhe, man schweigt scheinbar aus Protest.
In der Gedenkstätte gelingt es die Führung nach vorne zu verlegen. Irgendwie haben wir mit Klaus unserem Busfahrer die Zeiten falsch gedeutet. Die Führerin fragt unsere Schüler weshalb sie so müde seien; sie kommentiert treffend.
Aufmerksam und überaus angemessen bewegen sich die Schüler auf dem Gelände. Sie äußern sich pikiert über das Verhalten ihrer Alterskollegen. Ich würde mich als Lehrer in Grund und Boden schämen, aber unsere geben keinen Anlass dazu.
Nach dem Mittagessen geht das Gemaule wieder los. Ich frage mich warum Schüler einen guten Eindruck immer so schnell mit Dreck bewerfen müssen!?
In der Stadt herrscht das Chaos, die Studentenproteste zwingen unsere Stadtführerin zur Improvisation, aber sie macht ihre Sache toll! Die Schüler lauschen und ihr Blick folgt den Anweisungen.
Pünktlich sind wir am Ministerium. Wir wurden von der Reichstagsführung auf ein Ministerium umgebucht. Unser Führer ist eine Nummer für sich, an vielen Stellen frage ich mich ob er weiß was er tut. Er springt vom Ausbildungsmarkt zum Rauchen (Film), weiter berichtet er dann von seinem Sohn und landet bei den Renten. Sprungartig sind wir beim Thema Aids und schauen zwei weitere Spots. Unvermittelt der nächste Film; unser Führer schläft ein. Es ist wie bei Loriot! Die Schüler sind tapfer und, nach der Vertagung der Fragerunde auf „in 30 Jahren“, spenden sie sogar Applaus. Die Kollegin und ich haben Lachtränen in den Augen.
Kaum vor der Tür geht das Gemaule wieder los!
Zu Fuß ziehen wir Richtung Brandenburger Tor, vorbei am Mahnmal für den Holocaust. Wieder heben sich unsere Schüler ab, sie benehmen sich vorbildlich!
Am Tor angekommen entsteht das Klassenfoto vor historischer Kulisse.
Für einen Aufstieg auf die Kuppel des Reichstages können wir nur wenige bewegen. Aber die die sich uns anschließen werden mit einem tollen Blick über die Hauptstadt belohnt! Es lohnt sich doch immer wieder sich in die Schlange einzureihen! Auch die Schüler wirken beeindruckt, auch wenn sie es vor den anderen vermutlich nie zugeben würden. Schade eigentlich!
1.30Uhr Bettruhe! Wo sind eigentlich die Kollegen die zu den Partyzimmern gehören!? Und wieder ist es spät bis ich in mein Bett komme.

18. Juni
Ups, fast verschlafen. Die Klassenfahrt mit den kurzen Nächten fordert langsam ihren Tribut! Alle sind beim Frühstück.
Wir fahren zum Mauermuseum, dem Haus am Checkpoint Charlie. Es ist ein heilloses Chaos aus Menschen. Ich versuche den Schülern die Situation von Westberlin zu verdeutlichen. Ich blicke fast nur in uninteressierte Augen. Sehr schade, aber ich scheine gegen eine Wand zu sprechen. Den ersten Raum im Besichtigungsrundgang können wir vor lauter Menschen gar nicht richtig sehen. Im 1.OG wird es besser, die Ausstellung leider nicht, diese ist maßlos überfrachtet und vollkommen unübersichtlich. Ich bin maßlos enttäuscht!
Unsere Schüler stehen orientierungslos in der Ausstellung vor Exponaten mit kaum erkenntlicher Beschreibung. Ich krame in meinen Erinnerungen und versuche den Schülern die es hören wollen so anschaulich zu schildern. Hundeanlagen und ein Modell des Todesstreifens in den 80er Jahren. Schnell habe ich Zuhörer die nicht zu uns gehören, aber sich gleichfalls verloren fühlen in der Ausstellung.
Im nächsten Raum treffen wir auf etwas Besonderes! Einer der Ballonflüchtlinge der 70er Jahre schildert seine spektakuläre Flucht und liest aus seier Stasiakte vor. Beeindruckend! Unsere Schüler beginnen zu maulen und sitzen auf den Treppen. Das Jammern steigt kontinuierlich und wird unerträglich. Wir verlassen die Ausstellung.
Gegen das Maulen unserer Schüler fahren wir nun nach Potsdamm, es ist uns egal das sie murren. Hinten im Bus probt man den Aufstand, aber nach unserer Ankunft steigen doch alle ohne Widerworte aus.
Zu Zweit streifen wir durch das holländische Viertel, eine schöne Gegend in Potsdam. Geschäfte, Gaststätten und eine beeindruckende Bausubstanz.
Alle Schüler die wir sehen wirken angetan, aber zugeben wird es vermutlich wieder keiner.
Den Spätnachmittag in Berlin nutzen nur wenige Schülerinnen um noch einmal Berlin zu erkunden. Alle die noch Montag so groß getönt haben bleiben kleinlaut im Hotel.
Wir genießen Ruhe und Kaffee in der Sonne.
Um 21Uhr ziehen wir mit den Schülern die möchten los um den letzten Abend gemütlich ausklingen zu lassen. Wir bekommen Besuch aus der Parallelklasse, alles ist harmonisch und entspannt.
Später im Hotel fragen wir uns wieder wo eigentlich die Kollegen zu manchen Klassen sind, ein echtes Rätsel!

19. Juni
Nach der eindeutig kürzesten Nacht wird gepackt und dann zum Frühstück.
Ich traue meinen Augen kaum: Die Partyklasse hat tatsächlich Begleitpersonen. Wir haben diese Menschen noch nie zuvor im Hotel gesehen!
Nach einigen kleinen Nachbesserungen in den Zimmern kann uns unser Bus wieder nach Seligenstadt bringen.
Im Bus herrscht absolute Stille, fast alle schlafen.
Früher als erwartet sind wir in Seligenstadt.
So schnell können wir gar nicht schauen wie sich die Schüler in alle Winde zerstreuen. Keiner kommt auf die Idee sich zu verabschieden oder gar „Danke“ zu sagen. Schade!

Die Klassenfahrt war ein echtes Erlebnis und ich bin um viele Erfahrungen und Eindrücke reicher. Aber Urlaub wie viele es behauten ist es sicher nicht! Die sollten einfach auch mal auf Klassenfahrt fahren!

D. Thomas

Ich bedanke mich bei der Kollegin und ihrer Klasse für die schönen Tage in Berlin!!!!
 



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