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Zwei außergewöhnliche Deutschstunden

Nach der Bearbeitung eines Auszugs aus dem Buch „Das Jahr der Wölfe“ von Willi Fährmann regten Schüler der Klasse 6aR an, doch einmal Großeltern von deren Erinnerungen an die Flucht aus Ostpreußen am Ende des Zweiten Weltkrieges vor der Klasse erzählen zu lassen. Spontan erklärten sich die Großmütter zweier Schüler, Frau Leitenberger und Frau Rosin, sowie Herr Gröning, Altbürgermeister von Mainflingen und bekannt durch sein Mitwirken in der vierteiligen Fernsehserie „Kriegskinder“ bereit, vor den Sechstklässern zu sprechen. Gebannt und teilweise zutiefst berührt lauschten die Kinder den Schilderungen der Zeitzeugen von den Grausamkeiten des Krieges, den Entbehrungen und der Angst, die die Flüchtlinge zu erleiden hatten.
Dennis Rohe aus der Klasse 6aR ist den Ausführungen aufmerksam gefolgt und hat seine Erinnerungen in einem Bericht zusammengefasst.

Dennis Rohe erinnert sich:
Herr Gröning erzählte uns, dass seine Familie 1945 von den Russen aus Ostpreußen vertrieben wurde. Er war damals erst sechs Jahre alt. Sein älterer Bruder war neun, seine drei Schwestern drei und -ein Zwilling- erst ein Jahr alt. Eines Tages kamen die Russen in ihr kleines Dorf und besetzten die Häuser. Die Familie, der Vater war zu diesem Zeitpunkt im Krieg, wurde einfach aus dem Haus geworfen und durfte nur einen Kinderwagen und die Kleidung, die sie gerade trug, mitnehmen. Voller Angst um Ihr Leben und davor, was noch alles auf sie zukommen würde, liefen sie los. Es war Winter und sehr kalt. Auf dem Fußmarsch wurde die Mutter krank und starb. Die Kinder mussten nun, ganz auf sich alleine gestellt, weitergehen. Kurz danach starben auch der ältere Bruder und die kleine Schwester. Herr Gröning hielt damals seine sterbende, kleine Schwester hilflos in den Armen. Kurz danach verschwanden die beiden Zwillingsgeschwister, sie wurden wahrscheinlich entführt.
Nun war der Sechsjährige völlig allein. Im Keller eines Hauses ohne Fenster und Türen traf er auf andere allein stehende Kinder. Hier blieb er eine Zeit lang. Da es so kalt war, wechselte man sich ab, wer in der Mitte des Bettes schlafen durfte, damit keiner erfror. Als Wolfskinder oder Straßenkinder lebten sie von Abfällen. Sie brühten Brennnesselblätter auf und aßen diese. Herr Gröning erkrankte an Krätze. Er heilte diese Krankheit mit Eigenurin. Immer wieder kamen die Russen und schossen alles kurz und klein. Es gab viele Tote. Alle hatten wahnsinnige Angst. Überall hingen erhängte Leichen. Viele Menschen brachten sich vor Angst oder
Hoffnungslosigkeit selbst um. Um in die Keller zu gelangen, in denen Essensvorräte lagerten, mussten sie oftmals an diesen Leichen vorbei. Es war schrecklich. Aber die Kinder hatten mehr Angst zu hungern als Leichen zu sehen oder berühren. Erst 1947 wurde der nun achtjährige Dieter Gröning aufgegriffen und in ein Kinderheim nach Sachsen gebracht. Ein Jahr darauf erhielt er einen Brief von seinem Vater. Doch sein Glück währte nur kurz. Nach zwei gemeinsamen Jahren starb sein Vater bei einem Autounfall. Von seinen Zwillingsschwestern hat Herr Gröning leider bis heute nichts mehr gehört. Er vermutet, dass beide in der Slowakei leben und versucht immer wieder, sie ausfindig zu machen.

Frau Rosin wurde im Krieg geboren. Sie konnte uns nur einige Erlebnisse berichten, die sie von ihrer Mutter erzählt bekam. Sie selbst war noch zu klein, als dass sie sich an diese Zeiten erinnern könnte. Ein Erlebnis war dieses:
Ihre Mutter wollte mit ihr auf einem Flüchtlings-Schiff namens Wilhelm Gustloff einchecken. Sie hatte aber ein sehr ungutes Gefühl dabei und entschied sich dafür, nicht auf dieses Schiff zu gehen. Ihr schlechtes Gefühl rettete ihr Leben! Das Schiff sank bei dieser Fahrt. Als Frau Rosin von Vergewaltigungen der Frauen durch russische Soldaten erzählte und davon, dass kranke oder zu schwache Flüchtlinge zurückgelassen werden mussten, waren wir alle sehr berührt.

Frau Leitenberger konnte sich erinnern, dass sie in einem Zug mitfuhr, in dem viele Soldaten waren. In den Gepäckablagen waren die Gewehre und anderen Waffen der Soldaten abgelegt. Als während der Fahrt ein Gewehr herunterfiel, wurde sie am Kopf verletzt. Noch heute fühlt sie an der Stelle eine Narbe.

Vielen Kindern aus meiner Klasse gingen diese Erzählungen wahrscheinlich sehr nahe. Wir haben einen kleinen, aber sehr interessanten Einblick bekommen, wie schrecklich die Zeit im Zweiten Weltkrieg für die Menschen und gerade auch die Kinder gewesen sein muss. Die Erzählungen, vor allem die von Herrn Gröning, haben mich das ganze Wochenende sehr beschäftigt. Ich denke, solche schrecklichen Erlebnisse verfolgen einen Menschen das ganze Leben und verändern ihn wohl auch sehr. Hoffentlich muss niemand mehr so schlimme Zeiten mitmachen und hoffentlich müssen wir alle nie wieder einen Krieg miterleben.
 



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