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Als Krankenpflegerin in Hadamar

Es war wieder ein Tag wie jeder andere. Der Bus mit den schwarz bemalten Fenstern fuhr in die Garage und öffnete die Tür. Kollegen von mir begleiteten die neuen Patienten aus dem Bus in das Gebäude hinein. Die Leute im Bus, sahen wie ganz normale Leute aus. Zuletzt stieg ein wunderhübsches junges Mädchen aus, das ungefähr mein Alter hatte. An ihrem Kleid war ein Kärtchen, auf dem ihr Name stand:"Sanders, Julia", ein schöner Name, er passte zu ihr. Julia betrachtete den Boden und wandte einen kurzen Blick zu mir, als sie an mir vorbei gebracht wurde. Ihre Augen waren traurig und man konnte an ihrem Ausdruck erkennen, dass sie Angst hatte, schreckliche Angst, als wüsste sie, was mit ihr in den nächsten Stunden geschehe.


Nachdem alle Patienten in dem Gebäude waren, bereitete ich die ärztlichen Untersuchungen vor. In einem großen Raum hatten sie sich umgezogen und standen geduldig da, als ich eintrat. Ich sollte sie zum Duschen bringen. Ein Jahr lang habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht und immer einen guten Job geliefert, doch heute hatte ich ein komisches Gefühl im Bauch und dachte plötzlich darüber nach, was ich tat. Doch ich brauchte das Geld, ohne das ich die Miete nicht bezahlen könnte und auf der Straße landen würde. Ich beschloss, dies durchzuziehen, bis ich einen anderen Job gefunden hatte.


Auch heute konnte ich die Leute wieder täuschen und sie liefen, ohne etwas zu ahnen, in den Keller. Als ich hinter der gasfesten Tür stand, sah ich durch ein kleines Fenster, wie sich 70 Opfer in dem Duschraum zwängten. Uns wurde immer gesagt, dass wir Leute von ihrem Leiden dadurch erlösen. Doch ich wusste, dass es nicht stimmte, sondern etwas anderes dahinter stecken musste. Ich merkte, wie der Hahn geöffnet wurde und Kohlenmonoxid in den Raum strömte. Ich entdeckte in der Menge das wunderhübsche Mädchen Julia, die verwirrt umherschaute. Am liebsten hätte ich sie rausgeholt, damit sie nicht zu den anderen 69 gehörte. Durch das kleine Fenster in der Tür sah ich, wie die ersten Kinder umfielen und auf den Boden sanken. Die Menge ergriff eine Panik, als sie die Bewusstlosen dort liegen sahen. Ich hatte so ein Gefühl, dass sie nun wussten, was wir mit ihnen vorhatten. Sie schrien um ihr Leben. Sie schrien mit aller Kraft, die sie noch hatten. Der ganze Keller verwandelte sich in ein schreiendes Echo. Man hörte die Stimmen, die einzelnen Stimmen der Sterbenden. Sie klangen wie ein Lied, ein Todeslied.


Dreißig Minuten musste ich mir das anschauen und anhören. Von den verzweifelten Menschen, blieb schließlich nur noch ein Haufen Leichen übrig. Eine Stunde später verschwand das giftige Gas, und man konnte die Leichen herausziehen. In dem Zimmer nebenan wurden aus den Köpfen der Toten die Gehirne herausgenommen, bestimmt für Forschungszwecke an Universitäten. Ich fand dies äußerst widerlich. Ich bemerkte, wie Julia auf dem Seziertisch landete und ein Arzt an der Stirnseite einen tiefen Schnitt machte. Das Blut quoll heraus. Ich drehte mich um und hoffte, einen solchen Anblick nie wieder sehen zu müssen.
Noch lange erinnerte ich mich an Julia.

 

Jenny Vuong, 10cR

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