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DIE LETZTE REISE

Eine Geschichte über die letzte Reise eines 18-jährigen gesunden Mädchens aus ihrer Sicht.

DAS MÄDCHEN ELISABETH

Montag, 1.Juli 1941
Mein Name ist Elisabeth Möller. Ich bin 18 Jahre alt und habe gerade die Schule verlassen, nur mein Zeugnis habe ich noch nicht. Ich bin noch nie die Beste gewesen. Besonders in Mathematik war ich eine grauenvolle Schülerin. Was ich am liebsten mache, ist, draußen in der Natur spazieren zu gehen. Ich war schon immer ein ruhiges Mädchen, was nicht gleich gesagt hat, was es gerade denkt. Deshalb habe ich mich auch oft alleine am wohlsten gefühlt. Besonders gerne bin ich durch unseren Park gelaufen. Hier, in der Nähe von Marburg, gibt es tolle Parks mit ganz vielen Blumen. Die schönen weißen Krokusse, die Ende April ihre Köpfe aus der Wiese strecken, oder auch die blauen Vergissmeinnicht, die zwischen den hellen Gänse- und Butterblümchen auf der Erde wachsen. Wie gerne habe ich meiner Mutter einen bunten Strauß gepflückt, den sie dann in ein kleines Glas auf den Tisch stellte, wenn wir nach dem obligatorischen Tischgebet zu Abend aßen. Nur leider geht das jetzt nicht mehr. Meine Mutter darf mich nicht mehr besuchen, seit ich hier bin. Erst letzte Woche musste ich zum Arzt, damit ich mein Zeugnis aus der Schule bekommen kann. Aber der hat gesagt, ich leide an angeborenem Schwachsinn. Dabei bin ich doch ganz normal. Nur einfach nicht so schlau, wie die anderen.
Jetzt bin ich in eine Klinik gekommen. Sie nennt sich Heilanstalt. Hier wurde mir versprochen, dass ich gesund werde und dann meinen Abschluss an der Schule beenden kann. Die hier haben mir auch gesagt, dass ich keine Kinder haben darf, weil ich doch den angeborenen Schwachsinn in mir trage und dass ich deshalb operiert werden muss. Die haben da so ein komisches Gesetz, was denen erlaubt, mich einfach zu operieren, obwohl ich das nicht will. Dabei würde ich doch so gerne eine kleine Familie gründen. Am liebsten hätte ich einen Jungen und dann ein Mädchen. Der Junge soll tüchtig in der Schule arbeiten und auf seine kleine Schwester aufpassen, die dann später einen guten Mann heiratet und selber eine Familie gründen kann.
Aber das wird jetzt wohl nie wahr werden. Mir wurde gesagt, dass ich in ein anderes Krankenhaus muss, weil es mir dort besser gehen würde und ich dort geheilt werden kann. Nächste Woche soll ich mit einem Bus dort hingefahren werden. Ich bin schon sehr nervös und ängstlich, weil ich noch nie Bus gefahren bin. Viele hier sagen, sie hätten die Busse schon mal gesehen, aber sie seien nicht toll. Sie seien schwarz und man könnte nicht durch die Fenster sehen. Aber wieso haben sie die Fenster so dunkel gemacht? Die Natur ist doch so schön. Wo es hingeht, weiß ich auch noch nicht. Mir kommt das unheimlich vor.


Montag, 8.Juli 1941
Heute soll ich nun in das neue Krankenhaus kommen. Mir wurde aber immer noch nicht gesagt, wo es ist. Meine Mutter darf mich auch dort nicht besuchen. Ich werde sie wohl bis zu meiner Heilung nicht sehen können. Ich vermisse sie jetzt schon.
Gleich kommen die Busse an, die uns mitnehmen. Mit mir sollen noch 43 andere Patienten in die fremde Klinik gebracht werden. Warum, weiß ich aber nicht. Wir dürfen nicht miteinander reden. Ich werde nun schon einmal hinuntergehen, damit ich mich ablenken kann und nicht so nervös wirke. Ich glaube sogar, dass eine Schwester zu einem Arzt etwas von Idstein gemurmelt hat. Vielleicht komme ich ja dort hin.
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Ein wenig später an diesem Tag:
Gerade bin ich hier angekommen. Wir sind ziemlich lange gefahren. Mir wurde aber eben schon gesagt, dass ich meine Koffer gepackt lassen kann. Das hier wäre nur eine "Zwischenstation", um in das eigentliche neue Krankenhaus zu kommen. Dort werden wir direkt übermorgen hingebracht. Leider kann ich nicht raus in den angrenzenden Park. Er sieht so schön aus, aber es wurde mir verboten.

Mittwoch, 10.Juli 1941
Heute ist es soweit. Heute muss ich wieder Bus fahren. Es war schon vor zwei Tagen alles so ungewiss. Mal sehen,  wo ich als nächstes hinkomme. Fast ist es ja schon verwunderlich, dauernd den Ort zu wechseln. Oder beängstigend? Da wird meine Heilung plötzlich zu einer ungewissen Reise. Wie es auch kommen mag, es wird bestimmt meine letzte große Reise werden. Wenn ich wieder zu Hause bin, werde ich nicht das Geld haben, um nochmal zu reisen.
Jetzt fahren wir los. Ich habe einen Platz in der letzten Reihe des Busses, weil ich dort meine Beine ausstrecken kann. Ich könnte mir vorstellen, dass wir bestimmt eine Stunde fahren. Schade, dass ich durch die Scheiben nichts sehen kann. Sie sind viel zu dunkel. Aber gleich sind wir ja da. Ich habe gehört, dass unsere Koffer auf die Krankenzimmer gebracht werden, weil wir vorher nochmal untersucht werden müssen. Vielleicht stellt ja dieser Arzt endlich fest, dass ich doch normal und gesund bin und nur einfach schlechte Noten habe. Oh, gerade werden wir langsamer. Ich glaube, wir sind da. Ja, die Tür geht auf. Aber da steht ein unheimlicher Mann. Er wirkt unfreundlich und sagt nur knapp, dass wir mitkommen sollen. Er führt uns in einen kleinen Raum. Dort sollen wir uns hinsetzen und warten, bis wir aufgerufen werden. Der Raum ist kahl und es hängen nirgendwo Bilder, die alles ein wenig freundlicher machen würden. Einer meiner Blumensträuße würde sich hier bestimmt gut machen.
Eben wurde mein Name genannt. Ich muss nun zur Untersuchung. Ein Mann empfängt mich an der Tür des Raumes und sagt sofort in einem forschen Ton, dass ich mich ausziehen soll. Er wolle ein paar Fotos von mir machen, um meine Behandlung besser beurteilen zu können. Ich werde von vorne, der Seite und am ganzen Körper aufgenommen. Ich fühle mich sehr unwohl, nackt vor ihm zu stehen. Wie ein Stück Tier bei der Fleischbeschau. Aber Gott sei Dank ist es vorbei. Ich bekomme einen Mantel, unter dem ich nackt bleiben muss, und werde in ein weiteres Zimmer geschickt. Auch dieses Zimmer ist sehr kahl und strahlt eine unbehagliche Atmosphäre aus. Hier warten bereits ein paar andere Patienten, ebenfalls in Mäntel gehüllt. Nachdem jetzt auch der Rest aus unserem Bus untersucht ist, gehen wir alle dem Arzt nach. Wir steigen eine steile Treppe hinunter in den Keller. Keiner weiß, was mit uns geschieht und wo wir hingehen, denn wie eine Krankenstation sieht das hier nicht aus. Die Decken sind niedrig und aus purem Zement. Ich kann ein Schild mit der Aufschrift "Entkleideraum" erkennen, in den wir hineingeführt werden. Da wir ungefähr 50 Personen sind, ist es sehr eng und jeder fühlt sich peinlich berührt, weil wir unsere Mäntel ablegen müssen. Noch dazu unter Beobachtung einiger Pfleger. Diese drängen uns in einen Raum, der aussieht wie ein großes Badezimmer. Es sind Kacheln an den Wänden und an diesen sind dünne Rohre, mit Löchern versehen, befestigt. An der Decke ist ein großer Duschkopf angebracht. Jeder von uns bekommt die Anweisung, sich einmal unter diesen Duschkopf zu stellen. Ich beobachte in dem Gedränge das Fenster an der Tür am anderen Ende des Raumes, der nur ungefähr 14 m² groß ist. Dort schaut der Arzt, der uns vorhin untersucht hat, gespannt rein.
Auf einmal höre ich ein leises Zischen. Der komische Geruch des Gases steigt auf und ich merke, wie mir langsam schlecht wird. Auch den anderen geht es nicht gut. Einige müssen sich sogar erbrechen oder fallen direkt in Ohnmacht. Ich bekomme Angst. Ich ahne, dass ich hier nicht mehr lebend herauskomme. Während einer nach dem anderen auf dem Boden zusammensackt, denke ich an meine Mutter und was sie wohl gerade macht. Ich liebe sie sehr und schicke ein schnelles Gebet in den Himmel, bevor auch ich mein Bewusstsein verliere und es dunkel wird.

von Ruth Birkholz, 10cR

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