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Go west - go to Wisconsin Part 3

Ich hatte ja schon vor zwei Jahren festgestellt, dass ich eigentlich nicht in den USA arbeiten wollen würde. Heute bin ich doch wieder ein wenig ins Grübeln gekommen, nachdem ich die eine oder andere Unterrichtsstunde bei den amerikanischen Kollegen gesehen habe. Hier der erste Grund, warum ich neidisch bin: Ein Theaterkurs, der über zwei Jahre angelegt ist und sich mit den unterschiedlichen Mitteln und Stilen des Theaters befasst. Ein Kurs mit 12 Schülern, die über zwei Jahre kontinuierlich arbeiten und das jeden Tag knapp 60 Minuten? *träum* Der Kollege schildert mir kurz sein Programm und ich bin nachhaltig beeindruckt, selbst wenn nur ein Bruchteil bei den Schülern hängen bleiben sollte, dann haben sie in diesem Kurs was für ihr Leben gelernt, egal für welche Lebenslage. Auch die Ausstattung treibt jedem deutschen Theaterlehrer die Tränen in die Augen. Die haben quasi ein eigenes Theater, so richtig mit Portal, Hinterbühne, Schnürboden, Lastenzügen usw. Da können einige deutsche Bühnen bei uns in der Gegend nicht mithalten. *seufz*
Ein zweiter Grund ist die Möglichkeit mal richtig Unterricht zu machen und nicht alle fachlichen Inhalte einer radikalen Reduktion wegen Zeitmangel unterwerfen zu müssen, Grade in Geschichte. "World history" ist das toll, jeden Tag, knapp 60 Minuten, super! Wir sollten die Stundentafel grundlegend revolutionieren, mir würden spontan Fächer einfallen die man ersatzlos streichen könnte. Vielleicht macht mir "world history" auch deshalb so viel Spaß, weil der Kollege es einfach drauf hat Weltgeschichte kurz, prägnant und mit viel Humor zu vermitteln. Ich habe immer noch größten Respekt vor einem Lehrer, der aus einer Filmsequenz der Ghostbusters einen Unterrichtseinstieg zu den den frühen Hochkulturen machen kann, und die Schüler kommen sogar drauf.
So hat jedes System seine Vor- und seine Nachteile. Könnte man nicht aus allem das Gute nehmen? Ach nein, dann müsste man ja jede Menge Geld in die Hand nehmen und konsequent handeln.
Wenn wir schon dabei sind, ich möchte gerne einen Fachraum für Fachunterricht, ich teile mir den für Geschichte auch gern mit Frau Landsberger! Aber was würde es das Arbeiten erleichtern, wenn man seine Materialien, Anschauungsobjekte, Karten usw. einfach in einem Raum hätte und nicht immer zwischen dem heimischen Arbeitszimmer und der Schule hin und herfahren müsste.
Was mich allerdings noch immer verwirrt hier, sind die Unterrichtszeiten und die Pausen. Eine Stunde dauert 52 Minuten und die Pausen mal 4 und mal 6 Minuten? Und trotz der komischen Zeiten usw kommt keiner zu spät. Ein Mysterium! Vielleicht liegt es daran, dass es hier keinen Kiosk gibt, der zu jeder Zeit verkauft, bzw. das sich keiner traut zu sage,n er geht aufs Klo um an den Kiosk zu laufen. Am verwirrendsten ist aber die Regelung zu den Mittagspausen,l die sind nach Etagen, in denen man Unterricht hat, gestaffelt, d.h. die 5. Stunde im Erdgeschoss endet nach 20 Minuten, dann ist Mittagspause und dann geht die 5. Stunde mit dem gleichen Fach weiter. Wenn dann die aus dem Erdgeschoss gegessen haben, haben die im zweiten Pause usw. Verwirrend, aber scheinbar funktioniert es
Naja, vielleicht gewöhnt man sich ja dran, wenn man hier arbeitet...

Der Dienstag der zweiten Woche steht im Zeichen des Fahrrades, und der Aszendent Sonnenschein bringt uns Glück auf dem Fahrrad. Mit schuleigenen (!) Fahrrädern und Helmen ausgestattet machen wir eine Fahrradtour zu einem beliebten Ausflugsziel der Region, dem Point Beach. Zwei Schüler aus dem Deutschkurs übernehmen in diesem Jahr die Führung, da der Kollege mit dem Knie zu kämpfen hat. Mit einem ordentlichen Tempo radeln wir an der Schule los in Richtung Point Beach, quer durch die Stadt und dann immer am Lake Michigan entlang. Das "Invalidenfahrzeug" mit dem amerikanischen Kollegen und einer Schülerin begleitet uns, sorgt für Getränke und ist ein Zwischenlager für unpraktische Taschen und überzählige Jacken, außerdem macht unser Begleitfahrzeug jede Menge Fotos (sehr zum Leidwesen einiger Schülerinnen ;-)
Aber weil wir grade bei Taschen waren, wie kommt man denn auf die Idee mit einer von diesen komischen Handtaschen auf eine Fahrradtour gehen zu wollen? Hallo? Vernunft an Großhirn - Vernunft an Großhirn... Keine Antwort...
Wenn wir noch langsamer werden ,dann fallen wir gleich vom Rad Mädels.. Na also, geht doch. Wir schlängeln uns durch die Landschaft und die Natur. In einem Waldstück, das teilweise einer BMX-light-Strecke gleicht - ich liebe diesen Teil der Strecke - verlieren wir den Anschluss, weil wir mal wieder testen, ab wann man wegen mangelnder Geschwindigkeit vom Rad kippt. Wir stehen an einer Kreuzung, ich sage wir fahren geradeaus, der Kollege und die Schüler biegen rechts ab. Nach einiger Zeit kommen wir am falschen Punkt raus, sag ich doch. Also zurück, an der nächsten Kreuzung das gleiche Spiel, irgendwann kommen wir am Ziel an. Strahlend blauer Himmel, ein Wind wie an der Nordsee, eine Brandung wie an der Ostsee und ein Sandstrand wie in der Südsee. Ein schönes Ziel. Es werden zahlreiche Fotos gemacht und die Pause genossen. Dann machen wir uns auf den Weg zurück. Warum muss ich eigentlich immer am Ende der Gruppe fahren? Hmm... Naja, wir fahren und führen doch einige interessante Gespräche :-)
Für die Mittagspause haben wir die Gaststätte "Zum goldenen M" gewählt, sehr zur Freude der Schüler und der Möwen, die versuchen die Pommes zu ergattern. Das letzte Stück der Strecke bin ich damit beschäftigt einen Reiseteilnehmer davon zu überzeugen, dass man beim Fahrradfahren in dem Alter keine Nahtoderfahrungen hat und das unser Ziel doch bald erreicht ist. Mit viel, viel gutem Zureden erreichen wir - als mit Abstand die letzten - die Schule. Platsch! Die Person, die ich noch eben motiviert habe, liegt auf dem Schulboden, will nicht aufstehen und rollt sich von links nach rechts. Ah ja, noch vor einem Jahr habe ich mit dieser Person Grundsatzdebatten darüber geführt, ob man eine Schultasche auf den Boden stellen kann oder ob dieser zu schmutzig ist, jetzt rollt die Person lachend über den Schulflur. Es geschehen komische Dinge.
Memo an mich selber: In zwei Jahren sollen alle Schüler einen Rucksack mitbringen und wir machen vorher einen sportlichen Eignungstest im Radfahren.

Es ist soweit, die Präsentationen stehen an. Jeder unserer Jungs und Mädels sollte eine Präsentation zu einem Thema vorbereiten, Seligenstadt, deutsche Autos usw. Vorgabe war eine Präsentation mit vielen Bildern, die die Schüler hier verstehen, diese sollten auf Deutsch gehalten werden. Eigentlich keine große Sache, eine Präsentation auf dem Sprachniveau der Grundschule. Nun ja, sagen wir mal so.. Ein paar unserer Leute sollten dringend (!) lernen, wie man eine Präsentation erstellt und hält, meine Güte da stehen einem die Haare zu Berge. Also wenn ich die Präsentation über unsere Schule gesehen hätte, bevor ich da angefangen habe zu arbeiten, hätte ich mir wahrscheinlich eine andere Schule gesucht. Aber andere machen ihre Sache echt gut! Noch ein wenig Feinschliff und die Abschlusspräsentation läuft, ob ich mich dem einen oder anderen mal als Prüfer anbiete für nächstes Jahr? Aber die Schüler haben viel Spaß, lachen, schauen Bilder und freue sich. Den meisten Spaß haben wir selber, da wir einige Präsentationen mehrfach sehen und schon auf schwierige Wörter wie Touareg, Q7, Dirndel und Lederhosen. Ergebnis: Gut, aber verbesserungswürdig.
Memo an mich selber: nächstes Mal werden die Themen früher vergeben und die Präsentationen überprüft und müssen Probe gehalten werden.

Irgendwie habe ich so ein Klingeln auf den Ohren, als ich im strömenden Regen in Milwaukee den Bus auf dem Parkplatz des Harley Davidson Museum abstelle. Sieben lautstark singende -naja eher kreischende- Mädels sind schon eine echte Herausforderung für mein Gehör. Durch den pladdernden Regen laufen wir in Richtung Museumseingang, welch eine Entspannung für die Ohren.
Im Museum bekommen wir eine Führung durch die Geschichte von Harley-Davidson. Die Aufmerksamkeit der Schüler ist unterschiedlich groß, je nach Exponat schwankt sie zwischen 30 und 0 Sekunden und einer der Jungs läuft ständig im Kreis und muss alles anfassen und überall draufdrücken. Die Ausstellung ist schon schön und hat sich auch irgendwie verändert in den letzten zwei Jahren. Am Ende der Ausstellung können wir uns wieder auf Harleys setzen, die Modelle der kommenden Saison. Warum bin ich eigentlich zu groß für schöne Harleys und wer zur Hölle kommt auf die Idee eine Harley mit lila Glitzerlack auf den Markt zu bringen? *kopfschüttel*
Wir tragen uns im Gästebuch ein und können sicher sein, dass unser Eintrag wesentlich schöner und geordneter ist als der vom Gymnasium in Frankental, die zeitgleich mit uns im Museum ist.
Wir fahren weiter und machen eine Pause an einem ortsansässigen Handelszentrum, welches unsere Schüler aufgesogen hat ,bevor die letzten Silben unserer Ansage verklungen sind. Die Kollegen und ich gehen essen. Ich möchte über den Aufenthalt im Handelszentrum eine These aufstellen, bzw. sie aus meiner Sicht bestätigen. Die Affinität von Waren in Tüten zu Frauen ist signifikant höher als bei Männern. Während sieben Jungs auf zusammen drei Tüten kommen, haben die Mädels im Durchschnitt jede drei Tüten. Ich sehe mich bestätigt :-)

Unser letzter Schultag an der Lincoln ist angebrochen :-( Wie schnell die Zeit doch vergeht, jetzt heißt es Abschied nehmen von den Deutschkursen, mit denen wir so viel Zeit verbracht haben, von den Schülern, mit denen wir so viel zusammen gelacht haben, aber auch von den amerikanischen Kollegen, bei denen wir im Unterricht gesessen haben, ein trauriger Tag. Noch schlimmer wird nur Montag früh der Abschied von den Gastfamilien, aber vorher haben wir ja alle noch ein Wochenende mit ihnen.



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