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Geschichten aus dem Westen – Tagebuch eines Schüleraustauschs Teil 1

 

Es ist kurz vor 6 Uhr an einem Donnerstagmorgen, um diese Uhrzeit liegt der Parkplatz an den Schulen in Seligenstadt eigentlich in einer Art Dornröschenschlaf, nicht so am 1. Oktober diesen Jahres. Eine ganze Gruppe Menschen hat sich dort eingefunden mit jeder Menge Gepäck. Es ist wieder so weit, der USA-Austausch beginnt. Zum dritten Mal reisen wir mit einer Gruppe Schüler nach Manitowoc in Wisconsin um unsere Partnerschule, die Lincoln High, zu besuchen.

Pünktlich um 6 Uhr treffen unsere Busse ein und wir können uns auf den Weg zum Flughafen machen. Einzig eine Vollsperrung auf der A3, direkt hinter der Anschlussstelle Seligenstadt könnte uns Probleme bereiten. Würden wir über Froschhausen fahren und dann am Hanauer Kreuz auf die A3 wäre das alles kein Problem. Aber meine Einwände werden von unserem Fahren zerstreut, sie wissen es besser. Also beginnt unsere Odyssee durch den morgentlichen Verkehr in Richtung Frankfurt. Hier ein Stau, dort eine Umleitung, eine Gesperrte Auffahrt usw. Letztendlich fahren wir 40 Minuten im ZickZack durch den Kreis um irgendwie auf die A3 zu kommen. Inzwischen gibt mir zumindest der Fahrer meines Busses Recht, es wäre über Froschhausen wesentlich sinnvoller gewesen. Aber irgendwie kommen wir dann doch endlich an den Flughafen.

Hier beginnt direkt der nächste Spaß am frühen Morgen. Entgegen der Versicherung unseres Reisebüros sollen wir den Gruppencheckin nicht am Schalter machen, sondern an einem dieser tollen Automaten. Also fangen wir zähneknirschend an die Ausweise einzuscannen, und alle möglichen anderen Daten in die Maschine zu tippen. [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Eigentlich hätte mir vorher klar sein müssen, dass die Aussage dieses Reisebüros nicht zuverlässig ist. Wenn jemand ausgedruckte Links per Fax verschickt statt per Mail, dann muss ich doch an seiner Auffassungsgabe zweifeln.] Nach den ersten 9 Ausweisen stürzt der Checkinautomat ab. Das Aufsichtspersonal erklärt uns wir müssen von neuem anfangen, also beginnen wir von vorne. Nach weiteren 20 Minuten mit dem Versuch alle Daten in den Automaten zu tippen taucht eine Fehlermeldung auf. Inzwischen ist eine andere Aufsichtsperson da, auch sie probiert ihr Glück mit unseren Daten. Und wieder streikt der Automat, spukt aber diesmal die erlösende Aussage „Wenden Sie sich an den Schalter“ aus. An der Auffassungsgabe gewisser Menschen zweifle ich ab diesem Punkt doch sehr stark, wir bekommen jetzt auf einmal erklärt, dass wir als Gruppe mit minderjährigen Teilnehmern ja gar nicht am Automaten einchecken können. Äh… Haben wir nicht schon vor fast einer Stunde gesagt, dass wir eine Gruppe sind, als solche gebucht haben und 14 von 16 Gruppenmitgliedern minderjährig sind? Unser Hinweis auf diese Tatsache wir mit einem halbherzigen Lächeln abgetan. Also stellen wir uns am Schalter an. Meinem Gefühl nach dauert es inzwischen dreimal so lange wie die letzten Male, könnte daran liegen, dass inzwischen für USA Reisen beim Check in alle (!!!) Kontaktdaten für den USA Aufenthalt eingegeben werden müssen. Hinter uns wächst die Warteschlange quasi ins Endlose und zieht sich quer durch die Halle. Dieses Automatensystem und das mit der Gepäckabgabe ist aber auch echt bescheuert geregelt. Irgendwann ist jeder eingecheckt und alle Taschen aufgegeben. Wohoo! Hat ja jetzt auch nur eine Stunde gedauert. In der Zwischenzeit haben die Jungs und Mädels ein kleines Sit-In veranstaltet [als ob wir nicht noch lang genug sitzen würden an diesem Tag]. Warum genau einer von den Jungs in ein Gespräch mit der Flughafenpolizei verwickelt ist will ich gar nicht so genau wissen.

Erstaunlicherweise geht der Sicherheitscheck extrem schnell. Könnte aber daran liegen, dass wir diesmal zuerst nur von Frankfurt nach Amsterdam fliegen. Auch das Boarding verläuft vollkommen unspektakulär, außer die Fahrt mit dem Bus zur Vorfeldposition, das ist schon faszinierend zwischen den großen Fliegern durchzufahren. Gefühlt sind wir kaum gestartet als wir auch schon in Amsterdam landen. Aber während des Fluges gab es ja auch jede Menge zu sehen, keine Wolke am Himmel (oder in unserem Fall unter uns), da kann man entspannt die Welt von oben beobachten. Von unseren „Erstfliegern“ bekomme ich nichts mit, entweder sind sie in Schockstarre verfallen, oder ihnen geht es gut. In Amsterdam steigen wir vollkommen entspannt um. Kurze Passkontrolle, von einem Gate zum anderen und schon haben wir unser Ziel erreicht. So entspannt kann reisen sein! Absolut kein Vergleich mit dem Alptraum in Heathrow vor zwei Jahren! [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Auch wenn wir dieses Reisebüro sonst wohin jagen werden, über Amsterdam fliegen mit KLM hat sich bisher vollkommen gelohnt.]

Bevor wir einsteigen können werden wir Opfer des Kontrollwahns vor USA-Flügen. Aus dem gesamten Flieger werden 30 Personen zu einem „Double security check“ herausgezogen. Diese zufälligen, verdachtsunabhängigen Personenkontrollen mögen an sich vielleicht eine brauchbare Erfindung sein, aber wie sinnvoll sind sie wenn aus 320 Personen 30 ausgewählt werden und davon sechs (!) aus der gleichen Schülerreisegruppe stammen? Nun gut, zwei Minuten „Abenteuer“ und der Spuk ist vorbei. Der Flug von Amsterdam nach Chicago zieht sich wie Kaugummi irgendwie, aber auch hier wieder beeindruckt mich die Fluggesellschaft. Selbst in der Holzbankklasse ist der Service richtig gut, das Personal unglaublich freundlich, das Essen hervorragend und das Entertainmentprogramm bietet mehr als genug Auswahl für jeden Geschmack. Und: Sehr zu aller Freude kann man die Lüftung über dem eigenen Kopf abstellen. So bläst einem wenigstens die Klima nicht 8 Stunden in den Nacken oder das Gesicht. [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Angenehmer, fast entspannter Flug mit knapp 1cm mehr Beinfreiheit als bei gewissen deutschen Fluggesellschaften].

 

In Chicago angekommen stellt sich uns die Frage an welche Schlange der Immigration wir uns anstellen sollen. Die Schlange mit den Automaten, oder die Schlange ohne Automaten? Eine hilfreiche Aussage bekommen wir auch vom Flughafenpersonal nicht. Also probieren wir es mal wieder an den Automaten. Hm, irgendwie tritt hier wieder das gleiche Problem auf wie in Frankfurt. Die Automaten mögen keine Minderjährigen, also doch in die andere Schlange? Halt nein, jetzt mischt sich jemand vom Personal ein, diejenigen mit einer Abbruchbestätigung des Automaten müssen an die Schalter auf der einen Seite der Halle, ich mit einer Gruppe von Schülerinnen auf die andere Seite der Halle. Die Logik erschließt sich keinem von uns, aber egal. Dieses Mal müssen wir wenigstens nicht mit dem Einwanderungsbeamten diskutieren ob wir die richtigen Visa haben, ohne größere Probleme können alle unsere Schüler einreisen. Dafür hat KLM eine ganz besondere Überraschung für uns vorbereitet! Insgesamt sind 20 Gepäckstücke in Amsterdam nicht auf unseren Flieger gekommen, sondern liegen noch dort. Fünf dieser 20 Gepäckstücke sind von uns. Also an den Schalter und klären was, wann und wie. Gut, Kompetenz und Kundenorientierung würde ich jetzt anders definieren. Immerhin bekommen wir auf Nachfrage einen kleinen Kulturbeutel mit einer Zahnbürste, einem Rasierer, Duschseife und einem durchsichtigen T-Shirt in XL, überragend. Das Gepäck wird angeblich so schnell wie möglich geliefert. Zu diesem Zeitpunkt habe ich da auch noch dran geglaubt.

Raus aus dem Ankunftsbereich und jetzt zu unserem Bus. Der Kollege verzweifelt am Telefon mit den Hotlinemitarbeitern der Busgesellschaft. Auch hier ist es mit der Kompetenz nicht so weit bestellt. Was ist so schwer zu verstehen wo wir stehen? Die Ausgänge sind beschriftet mit 5A bis 5D. Immer wieder sagt der Kollege dass wir an 5B stehen und immer wieder wollen sie die Türnummer. Naja, der Busfahrer ist cleverer als die Kollegen am Telefon. Er hat ein Schild auf welchem „Lincoln High“ steht und fährt langsam an den Busparkplätzen entlang. So einfach kann es sein. Gepäck einladen und rein in den Bus. Durch die Automaten bei der Immigration haben wir eine halbe Stunde verloren und die geballte Kompetenz bei der Meldung des verlorenen Gepäcks nochmal gut eine Stunde. Also sind wir viel später als geplant endlich auf dem Weg nach Manitowoc. Inzwischen macht uns das Jetlag doch zu schaffen und wir verschlafen sogar den Hunger bis wir in Manitowoc sind.

Der Wind bläst stark über den Lake Michigan auf den Parkplatz am JFK-Sportcenter als die Schüler und die Gastfamilien sich begrüßen. Manche Begrüßungen wirken als ob man ein lange verlorenes Familienmitglied wiedertreffen würde. Wir übergeben die Schüler in die Obhut der Familien und fahren zu Walmart um zumindest Unterwäsche zum Überbrücken zu kaufen. Unterwäschewitze sind im Übrigen sehr beliebt in den nächsten Tagen.

Freitag beginnt der Schultag für den Kollegen und mich sehr früh. Die 1. Stunde ist nicht an der Lincoln, sondern an der Washington Junior High. Hier sind wir vor vier Jahren zuletzt im Deutschunterricht gewesen. Deutsch 1 ist immer wieder schön.

An der Lincoln angekommen sehen wir viele bekannte Gesichtern, und damit meine ich nun nicht nur die der Schüler. Inzwischen sind die Gesichter vieler amerikanischer Lehrer wirklich vertraut und wir merken wir sind wieder angekommen. Dieses Mal werden die Schüler sogar vom Schulleiter persönlich begrüßt, bisher wurde das immer von einem seiner Stellvertreter gemacht. Die Übergabe des Austausches von Martin Fleck (Einhardschule) an unsere Schule ist jetzt nach vier Jahren irgendwie endgültig abgeschlossen. Offiziell werden die Deutschen sogar in den täglichen Schulmitteilungen begrüßt. Der am längsten bestehende und kontinuierliche durchgeführte Schüleraustausch zwischen Hessen und Wisconsin wird auch die nächsten Jahre fortbestehen.
In der Aula der Schule kann man den Unterschied zu einer deutschen Schule förmlich spüren. Das Gebäude hat schon eine ganz eigene Aura, ist es doch das älteste noch in Betrieb befindliche Schulgebäude in ganz Wisconsin. Und von Macken, Sanierungsstau, fehlenden Investitionen u.ä. ist hier absolut nichts zu spüren, ganz im Gegenteil! Es wird ein enormer Wert auf moderne Ausstattung gelegt. Und wieder verstehe ich warum wir für unsere Overheadprojektoren jedes Mal ausgelacht werden und unsere PC-Räume nicht mehr als ein Lächeln wert sind. Gut, dauerhaft arbeiten wollte ich hier dennoch nicht.

Beim Rundgang durch die Schule staunen die Schüler nicht schlecht über die Vielfalt die hier geboten ist. Mal ehrlich, welche Schule träumt nicht von einem eigenen Schwimmbad (in welchem auch Kanu fahren trainiert werden kann), Sporthallen die den Namen „Halle“ verdienen, Naturwissenschaftsräumen mit richtigen Arbeitsplätzen, einem eigenen Theater (hier könnte ich jedes Mal fast heulen), einem Orchesterraum und genug Platz für Schüler (nicht die deutsche Käfighaltung)!? Gut die Durchsagen im Radiostyle und der Fahnenschwur sind schon gewöhnungsbedürftig für den deutschen Schüler, aber auch für Lehrer. [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Auch nach bereits zwei erfolgreichen Besuchen hier, ich könnte mich zwischen Autowerkstatt, Küche, Cafeteria, Deutschraum, Sekretariat, Orchesterraum, Cola-Automat und Kaffeemaschine noch immer verlaufen. Die Orientierung fällt doch etwas schwer und gewisse Rituale sind doch echt schräg.]

Am Abend findet das traditionelle Potluck Supper statt, dieses Mal nicht im Schoolforest, sondern beim Sportsman Club. Die zahlreichen ausgestopften Tiere unterscheiden sich nicht vom Schoolforest. Allerdings ist unser Programm ein wenig anders, Tomahawk werfen mit Schülern und Gastfamilien ist eine ganz neue Erfahrung die allen viel Freude bereitet, einige sind gar nicht mehr zu stoppen. Der Potluck ist für uns immer wieder eine schöne Sache um die Gastfamilien kennenzulernen, Danke zu sagen, aber auch für die Familien untereinander gemeinsame Aktivitäten für das Wochenende mit den Schülern zu planen. Jetzt beginnt das Wochenende. Freitagnacht kurz vor Mitternacht werden die fehlenden Koffer geliefert. Aber halt, Moment! Es kommen nur vier Koffer bei uns an, wo ist der Fünfte? Angeblich ist er immerhin schon in den USA aber vermutlich noch in Chicago.

[Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Kommen wir nochmal auf die Kompetenz zu sprechen… Hier hilft eigentlich nur noch eine Urschreitherapie, so viel geballte „Kompetenz“ am Schalter, bei den Mitarbeitern am Telefon usw. AHHHHHHHHHH!!!!!!!!!!!]

Nachtrag zum Wochenende: Sonntagabend, 22Uhr, drei Tage zu spät, wird der fehlende Koffer endlich geliefert, morgen früh können wir ihn dem Schüler in der Schule übergeben. Welch ein Spaß ;-)



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