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Geschichten aus dem Westen – Tagebuch eines Schüleraustauschs Teil 3

 

Noch bevor der Schultag richtig begonnen hat sammeln wir einzelne Schüler ein um sie mit an die Washington Junior High zu nehmen, damit sie dort ihre vorbereiteten Präsentationen halten. Die Damen sind sichtlich nervös, müssen sie doch ihre Präsentationen auf Englisch halten. Aber alles läuft glatt. An der Lincoln setzen wir das Prinzip der rotierenden Präsentationen fort, so dass jeder der Schüler mal dran ist und am Ende dieses Prozesses (der zwei Tage dauern wird) alle Schüler alle Präsentationen mal gesehen haben. [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Irgendwie wirkt der Artikel auf der Homepage der Schule gekürzt, wo ist meine Abhandlung über abgehendes Interesse an Präsentationen anderer und die Ausführungen zu oftmals dürftig vorbereiteten Präsentationen? Scheinbar will/soll dies keiner lesen.
Vielleicht sollte ich auf Busfahrer umschulen, ich habe irgendwie Spaß am Schüler und Kollegen shuttleln.
In der Pause haben wir die Gelegenheit auf den Turm der Lincoln High zu steigen. Regulär ist der Zugang zum Turm gesperrt, die Klassenräume im Turm stillgelegt und das Gewächshaus auf dem Dach ebenfalls. Es ist wie eine kleine Zeitreise in eine vergangene Zeit. In einem alten Klassenraum, dem der Jahrbuchgruppen finden wir das Jahrbuch von 1913, und in den Holzteilen oder eingekratzt im Metall finden sich Botschaften aus den vergangenen Jahrzehnten. Der Ausblick vom Turm auf den See ist immer wieder toll. An einem grauen, wolkenverhangenen Tag wie heute hat der See einen ganz eigenen Reiz.

Der kommende Morgen ist kühl als wir uns mit den Jungs und Mädels an der Schule für einen weiteren Fieldtrip treffen. Das besondere bei dieser Tour ist allerdings, dass es allen Gastgeschwistern freigestellt gewesen ist an diesem Trip teilzunehmen. Mit einem echten gelben Schulbus werden wir am JFK Sportzentrum abgeholt. Für einige ist es die erste Fahrt mit einem solchen für uns so „typisch amerikanischen“ Gefährt. Auf geht es nach Milwaukee zum Harley – Davidson Museum.
[Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Die Fahrt ist ein wenig holprig, was an den Straßen, aber auch der bescheidenen Federung des Fahrzeuges liegt. Die Beinfreiheit ist ein wenig eingeschränkter als im Flugzeug, dafür kann man sich problemlos quer setzen. Ich bin ein wenig beeindruckt vom Fassungsvermögen des Busses. 72 Sitzplätze. Lediglich funktional, aber durchaus brauchbar und, das beeindruckt mich besonders, wenn die Exkursion in einem besonderen Zusammenhang zum Unterricht steht, dann werden die Fahrtkosten vom Schulbudget bzw. vom Schulbezirk gezahlt. Allerdings werden hier auch nur wirkliche Unterrichtsexkursionen von der Schule genehmigt. Zum Glück hat der Schüleraustausch einen Sonderstatus und wir bekommen den Bus, dies entlastet meine Budgetplanung. Aber meinen Plan mit dem Busfahren habe ich nach der Fahrt verworfen].
Gut durchgeschüttelt kommen wir am Harley-Museum an, allerdings hat es die Öffnungszeiten geändert, so dass wir noch eine Weile im Bus warten müssen. Im Museum haben sich die Schüler sehr schnell über die gesamte Ausstellungsfläche verteilt, lauschen dem Sound der Motoren, betrachten Exponate aus den unterschiedlichen Dekaden, machen Bilder und drücken alle möglichen Knöpfe. Besonderer Höhepunkt sind wie immer die Harleys auf welche jeder sich setzen darf, posen kann und jede Menge Bilder macht. [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Auch wenn am Ende doch wieder einige sehr schöne Bilder entstanden sind, so weiß ich nicht ob alle wirklich etwas von diesem Museum mitbekommen haben. Ich sollte das mal mit dem Kollegen ausdiskutieren…]
Anschließend führt uns der Weg in eine Mall um dort zu essen, unsere Schüler schaffen es sogar noch dort ein paar Kleinigkeiten zu besorgen. [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Bei mir hat die Zeit lediglich für eine entspannte Kaffeepause gereicht].
Mit unserem gelben Schüttelrüttelgefährt geht es zurück nach Manitowoc. Aber bevor wir alle in den freien Nachmittag entlassen müssen wir die Gelegenheit nutzen um das eine oder andere Gruppenbild mit Schulbus zu machen.

Es folgt Tag 2 der Präsentationen. Inzwischen flutschen einige der Fachbegriffe wesentlich schneller und flüssiger aus den Jungs und Mädels heraus, aber ihrer Begeisterung hält sich in Grenzen… [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Wenn ich mich richtig erinnere haben wir mehrfach darauf hingewiesen, dass die Präsentationen (auch auf Englisch) Teil des Austausches sind, ebenso die Teilnahme am Unterricht hier. Scheinbar haben manche bei diesen Sätzen so ein merkwürdiges Rauschen auf den Ohren gehabt].
Inzwischen sind auch Yannik und der Kollege im Deutschunterricht eingetroffen. Zuvor haben die Beiden (insbesondere Yannik) den Soccer-Experience-Day im amerikanischen Sportunterricht durchgeführt. Somit waren wir im Kleinen also auch im Auftrag des DFB unterwegs um die USA ein wenig mehr für eine richtige Sportart zu begeistern.
Zwischen den Stunden 3 & 4 gibt es hier die sogenannte „WIN-Periode“, heute treffen sich interessierte Schüler für den Gegenaustausch. Wir sind gespannt wie viele von den Interessierten wirklich zu uns kommen können, sind die Kosten für sie doch mehr als doppelt so hoch wie für uns. Aber rund 20 Schüler finden sich dort ein um sich über den Austausch zu informieren.
[Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Die WIN-Periode hat die Lesepause abgelöst. Im eigentlichen Sinne sollen die Schüler in dieser Zeit Lehrer aufsuchen wenn sie Fragen zu Unterrichtsinhalten haben o.ä. Nun ja, ich würde sagen dieses Projekt scheint auf ganzer Linie gescheitert, aber auch die Kollegen hier sehen keine Resonanz (wie auch wenn sie mit dem WiFi konkurrieren müssen??)].

Irgendwann sind alle Referate gehalten und unsere Schüler doch deutlich erleichtert.

Der Donnerstag birgt eine angenehme Überraschung für uns, nämlich einen kurzen Schultag. Statt bis 15.21 Uhr geht der Schultag heute nur bis 11.35 Uhr, da ab 13 Uhr eine Art Elternsprechtag ist. Somit sind die Stunden gekürzt, jede Stunde dauert statt 51 Minuten nur 27 Minuten. Somit werden alle Stunden des Tages gehalten, wenn auch verkürzt. Gut wir machen den Tag noch schöner, wir machen einen kleinen Ausflug und besuchen die Polizei und die Feuerwehr. Während wir aus Deutschland Nachrichten von Frost und Schnee erhalten laufen wir bei noch angenehmen Temperaturen und strahlend blauem Himmel durch Manitowoc. An der Polizeistation werden wir von Bruce in Empfang genommen und gleich „zu den interessanten Sachen“ geführt, weil „die langweiligen Büros will keiner sehen“. So stehen wir wenige Momente später in der Tiefgarage der Polizeistation und treffen dort auf einen Polizeihund und dessen Hundeführer. Wir bekommen einiges über dessen Aufgaben und das Training erklärt, aber dann auch demonstriert wie ein Angriff eines Polizeihundes aussieht oder wie dieser Drogen in einem Fahrzeug aufspürt. Aber so wissen wir kurz vor Ende des Austausches auch, dass keiner von unseren Schülern Marihuana in seinen Taschen hat, der Hund hätte das sofort angezeigt.

An einem Polizeiauto bekommen wir die Ausstattung erklärt, von Schutzschild über Schutzwesten und Waffen bis hin zu den technischen Finessen des Fahrzeuges. Selbstverständlich dürfen auch ein paar auf der Rückbank platznehmen. Sehr schnell stellen die Damen fest: Der Rücksitz eines Polizeiautos mag zwar mit dem Gartenschlauch zu reinigen sein, aber bequem ist anders. Ebenso werden Handschellen als modisches Accessoire ausgeschlossen, da der Tragekomfort nicht den Erwartungen entspricht.

Direkt neben der Polizei ist die Feuerwehrstation, hier sind wir als nächstes. Die Feuerwache ist 24/7 besetzt, also findet sich hier alles was die Männer und Frauen zum Leben brauchen. Küchen, Aufenthaltsraum, Fernseher, Schlafplätze, Fitnessraum usw. Beeindruckend sind die Fahrzeuge mit all ihrer Ausstattung, aber auch der typisch amerikanischen Dekoration, angefangen bei Flaggen und patriotischen Aufklebern bis hin zu kindgerechten Hinweisen zu brennender Kleidung. Wenn wir schon bei Kleidung sind… Die Schüler dürfen hier sogar die Schutzkleidung überstreifen und stellen dabei fest, dass Helm und Jacke durchaus ein Eigengewicht haben. Aber für ein paar schöne Fotos macht man ja so einiges. Schon befinden wir uns wieder auf dem Weg zurück in die Schule, schließlich ist ja heute ein kurzer Tag.

Der letzte Tag an der Lincoln High. Ein letztes Mal heißt es für die Schüler mit den Gastschülern bzw. ihren „Schatten“ dem Unterricht zu folgen. Das einsetzende Abschiedsdrama beginnt, morgen führt unser Weg nach Chicago. Aber auch heute hält die Schule noch Überraschungen für uns Bereit, während der WIN-Periode gibt es einen Feueralarm. Ein letzter kleiner Ausflug steht heute noch an, zusammen mit einem Kurs machen wir einen Besuch auf einer der größten Milchfarmen des Staates. Ein charmanter Landgeruch hängt über allem während wir die große Melkstation und die Hallen mit Kühen und Kälbchen besuchen. Live bekommen wir eine Geburt mit und ich bin erstaunt wie wenig unsere Schüler mit dem Landleben vertraut sind. Zurück an der Lincoln heißt es Abschied nehmen von Lehrern, Schülern und allem, Morgen führt uns der Weg nach Chicago. Zu einem weiteren Abenteuer auf diesem Austausch.



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