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Geschichten aus dem Westen – Tagebuch eines Schüleraustauschs Teil 4

 

Der Tag der Tränen und des Abschiedes hat begonnen. Wir treffen uns zu unserer Abfahrt an der Lincoln High. Es ist schön zu sehen, wie sehr die Jungs und Mädels sich an ihre Familien hier gewöhnt haben, wie herzlich die Familien sich von unseren Schülern verabschieden. Es werden unzählige Gruppenbilder gemacht, Einzelbilder, Familienbilder. Nicht nur in den Augen der unseren schimmern Tränen, auch in den Augen von Gasteltern und Gastgeschwistern kann man es schimmern sehen. Der unangenehmste Teil ist es dann alle in den Bus zu scheuchen und abzufahren. Ein letztes Winken, ein letzter Blick auf die neuen Freunde und auf die Lincoln High School. Wir sind auf dem Weg nach Chicago. Auch im Bus fließt noch die eine oder andere Träne während Fotoalben oder ähnlich Andenken der Gastfamilien betrachtet werden, aber über allem liegt Hauch der Vorfreude auf Chicago.

Schon von weitem können wir aus dem Stau heraus einen ersten Blick auf die Skyline von Chicago werfen, auch für mich immer wieder beeindruckend! Bald haben wir unser Hostel erreicht. Um ehrlich zu sein wissen wir nicht was uns erwartet, da wir dieses Mal in eine andere Unterkunft gebucht haben. Das Hostel ist wirklich in Ordnung, die Zimmer der Schüler sind großzügig, wenn auch funktional ausgestattet. Nach einem wirklich stressfreien Check-In bringen wir unsere Sachen auf die Zimmer und machen uns gleich wieder auf den Weg. Wir haben strahlend blauen Himmel und für Mitte Oktober wirklich angenehme Temperaturen. Wir laufen die Fifth Avenue in Richtung Magnificant Mile. Auf unserem Weg machen wir unseren ersten Halt an der Installation „Faces of Chicago“, überdimensionale Glaskuben mit projizierten Gesichtern von Einwohnern aus Chicago, kombiniert mit Wasserspielen. Ich bin erstaunt, dass wir dieses Mal keinen Schüler mit nassen Füßen oder nasser Kleidung haben. Die Anzahl der Selfies steigt rapide an, etwas was wir bisher in dieser Form noch nicht hatten. Weiter führt unser Weg in Richtung „Cloud Gate“, oder wie es hier genannt wir „The bean“. Unübersehbar, es ist Wochenende. So viele Menschen haben wir hier noch nie gehabt, und auch so viele Hochzeitsgruppen die hier ihre Bilder machen. Auch hier sind unsere Schüler genau richtig, ist dieser Platz doch die beliebteste Selfie-Location in Chicago.
Über den Chicago River kommen wir immer weiter in Richtung Hancock Tower. Spannend ist immer wieder der Kontrast zwischen kleinen Gebäuden und Wolkenkratzern direkt daneben. Da steht das Wasserwerk (eines der wenigen Gebäude welches den Großbrand von 1871 überlebt hat) direkt neben einem Gebäude mit rund 80 Stockwerken. Gegenüber des Hancock Tower steht eine Kirche, welche allerdings neben dem riesigen Turm nahezu winzig wirkt.
Mit dem Aufzug geht es in den 94 Stock, auf die Aussichtsetage. Spätesten hier stellt sich heraus wird von den Schülern nicht schwindelfrei ist. Während einige direkt zu den großen Aussichtsfenstern stürzen nähern sich andere ganz langsam Schritt für Schritt den Fenstern an. Aber schön zu sehen wie sich Schüler gegenseitig am Arm halten um den Anderen nicht alleine zu lassen, auch wenn ein paar Jungs noch an ihren Gentlemanqualitäten feilen müssen. Die Aussicht über die Stadt und den See ist überragend. Auf der einen Seite verliert sich das flache Land im fernen Horizont, auf der anderen Seite scheint der Lake Michigan kein Ende zu nehmen. Bei bestem Wetter ein immer wieder überragender Anblick.

In Kleingruppen dürfen sich die Schüler auf der Magnificant Mile bewegen und in einer der zahlreichen Malls ein wenig umherschauen und zu Abend essen. Gemeinsam schlendern wir in Richtung unseres Hostels zurück. Wieder stelle ich fest, dass wir eine unglaublich lustige und vielseitige Truppe mitgenommen haben. Zwischen normalen Gesprächen und offenen Fragen haben wir immer wieder sehr viel und sehr herzlich zu lachen. Kurz vor unserem Hostel machen wir einen Schlenker zu Buckingham Fountain, leider ist sie seit ein paar Tagen außer Betrieb, aber dafür haben wir einen tollen Blick auf die nächtlich beleuchtete Skyline von Chicago. Mit diesen Impressionen endet unser erster Tag hier.

 

Ein neuer Morgen begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein und wolkenlosem Himmel. Im Gegensatz zu unserer Unterkunft der letzten Jahre ist hier immerhin das Frühstück inklusive. Amerikanisches Frühstück, mit Bagle, Creme Cheese und vollkommen pappsüßer Marmelade, Kaffee und Orangensaft, aber so bleibt uns der Fußmarsch zu einer Frühstücksmöglichkeit erspart.
Wir brechen auf in Richtung Milenium Park, in der Hoffnung, dass dieser am frühen Morgen noch nicht mit all den Touristen verstopft ist. Wir haben Glück, heute können die „The bean“ ohne hunderte Menschen davor sehen und auch nochmal ein paar schöne Bilder machen. Wir folgen dem Weg über eine Brücke die sich wie eine Schlange schlängelt und über eine der großen Stadtautobahnen führt. Vor zwei Jahren war auf der anderen Seite noch Baustelle heute erstreckt sich dort ein weiteres Stück Park mit einem unglaublich tollen Spielplatzareal. Für alle Altersklassen ist hier was geboten, nur eine Schaukel für die ganz großen gibt es leider nicht. Wir schlendern durch den Park in Richtung Bootsanleger. Hier beginnt unsere Riverboat-Tour die uns Chicago noch einmal aus einer anderen Perspektive zeigt. Mit Kaffee, Cockies und Limonade bewaffnet (alles im Tourpreis enthalten) geht es los. In diesem Jahr haben wir eine junge Frau die uns auf der 90 Minütigen Tour allerlei über Chicago und die Gebäude der Stadt berichtet. Im Vergleich zu den letzten Jahren, ist dies die beste Tour die wir bisher hatten, sie spricht deutlich und spickt ihre Erzählungen mit vielen Anekdoten. Vor dem blauen Himmel sind die beeindruckenden Gebäude fast noch imposanter und die unterschiedlichen Architekturepochen strahlen im Sonnenlicht, allerdings ist es im Schatten dann doch oftmals empfindlich kühl.
Unser weiterer Weg führt und zum Navy Pier, einer der Attraktionen in Chicago. Hier legen wir unsere Mittagspause ein. [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Wie viel unsere Jungs und Mädels letztendlich vom Pier gesehen haben weiß ich nicht. Sie verschwinden im Foodcourt und bleiben danach in Reichweite des kostenfreien W-Lan. Eigentlich hätte ich mir das ja gleich denken können, dass Seeblick, Stadtpanorama und Navy Pier gegen W-Lan nicht ankommen. Schade! Also ich zumindest bin die Promenade entlanggeschlendert].
Das nächste Ziel ist wieder die Magnificant Mile mit ihrer bunten Shoppingwelt, und selbstverständlich auch nahezu überall W-Lan. Weiter geht der Shoppingwahn und die absolute Reizüberflutung. Irgendwann suche ich nur noch einen Platz um in Ruhe einen Kaffee zu trinken. Ziel des Abends ist das Hardrock Café, um beim gemeinsamen Burger essen diesen Austausch ausklingen zu lassen. Ich bin schwer beeindruckt von der Tatsache, dass nahezu alle Schüler Burger & Pommes aufessen. Gemütlich geht es zurück in unser Hostel, hier beginnt das lustige „wir packen unsere Koffer aus/um/neu/aus/um Spiel“. Bis alles irgendwo untergebracht ist vergeht einige Zeit, aber der Unterhaltungsfaktor ist extrem hoch.

Der Tag der Abreise hat begonnen und eine Kofferkarawane zieht sich vom Hostel zu unserer Bahnstation. Ohne große Schwierigkeiten kommen wir auf den Bahnsteig und auch in die Bahn um dann in Richtung Flughafen zu fahren. Der gesamte Check-In Prozess, die Sicherheitskontrollen und alles verlaufen problemlos. Die größte Herausforderung stellt für die Gruppe mal wieder der Zugang zum kostenfreien W-Lan dar.
Der Flug von Chicago nach Amsterdam beginnt, einige unserer Schüler sind irgendwie so müde, dass sie den kompletten Start einfach verschlafen, faszinierend! Besondere Ereignisse gibt es nicht. In Amsterdam verlassen wir den Flieger und begeben uns zum anderen Gate und somit zur Passkontrolle. Ich bin mit nahezu allen Schülern bereits auf der anderen Seite als einem Schüler auffällt, dass er seinen Pass wohl im Flieger verloren hat. Für den Kollegen beginnt eine absolute Rennerei und Hetzerei zurück zum Gate und zur Fluggesellschaft, ich kann ihm nicht helfen, da ich nicht zurück durch den Kontrollpunkt darf. Also muss ich zusammen mit den Schülern warten. Nach gut eine Dreiviertelstunde und viel Verhandlungsgeschick, Unterstützung durch die Fluggesellschaft und nicht zuletzt dank der freundlichen Unterstützung der niederländischen Grenzbehörden darf der Schüler mit der Kopie seines Passes die Kontrolle passieren. Zum Glück haben wir die Kopien!
Inzwischen bin ich mit den Schülern längst am Gate und werde vom Personal der Fluggesellschaft auf dem Laufenden gehalten. Die Bordingzeit ist eigentlich schon lange vorüber als die erlösende Nachricht eintrifft: Der Kollege und der Schüler sind auf dem Weg. Rennend treffen sie am Gate ein und steigen in den Flieger.
Mein Kollege ist vollkommen am Ende und lässt sich nur noch in seinen Sitz fallen. Eine Flugbegleiterin bringt ihm eine Flasche Wasser um sich nach der Rennerei ein wenig zu erfrischen. Während der Vorbereitungen zum Start wird dem Piloten der Reisepass des Schülers übergeben. Wie und von wem er den Pass bekommen hat wissen wir nicht, aber der Pass ist da. Der Schüler kann ihn sich im Cockpit abholen und darf als kleine Entschädigung für seine Angst und den Schrecken den Rückflug im Cockpit absolvieren. [Aus dem Tagebuch eines Lehrers: Warum haben wir eigentlich immer, wirklich immer den größten Stress oder Ärger auf dem Rückflug??? Beim ersten Austausch haben wir fast einen Bombenalarm ausgelöst, beim Zweiten musste der Kollege zum Unfallarzt und dieses Mal der Pass… UND WEHE irgendeiner der zukünftigen Austauschschüler meint mit vortäuschen des Passverlustes einen Cockpitflug erlangen zu können. Die Aktion war alles andere als lustig…]
In Frankfurt gelandet ist das Wetter kalt und eklig, wir müssen einen kaputten Koffer beanstanden, aber immerhin sind alle Gepäckstücke da. Zurück geht es nach Seligenstadt um alle Schüler wieder zurück an den Startpunkt unseres Austauschs zu bringen. Es ist vollbracht! Aber zum Glück sind Herbstferien, ein wenig Entspannung tut uns sicher gut!

 

Abschließend bleiben mir nur ein paar Worte. Der Austausch ist aus meiner Sicht wieder ein voller Erfolg gewesen!
Danke an die Eltern die uns ihre Kinder anvertraut haben.
Danke an unsere Schulleitung und die Kollegen die den Austausch überhaupt erst möglich machen.
Danke an den amerikanischen Kollegen Chris Glandt für seine wunderbare Unterstützung, die Organistation mit den Gastfamilien und viele weitere Kleinigkeiten. Was als dienstlicher Kontakt begann ist inzwischen längst eine Freundschaft geworden. Danke für alles!
Danke an die Schüler die mit uns unterwegs waren für die vielen schönen Momente, das gemeinsame Lachen und die vielen kleinen Geschichten die wir zusammen erlebt haben.
Ein ganz besonderer Dank an meinen Kollegen Tibor. Es ist immer wieder eine Freude mit dir arbeiten zu dürfen.

 

Daniel Thomas



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