Top

Eine Reise nach Wisconsin - Schüleraustausch aus Lehrersicht - Teil 1


Den Ausspruch „Wenn Engel reisen…“ kann man ja in unterschiedlicher Weise auslegen und interpretieren. Ob wir mit Engel reisen werden wir in gut 19 Tagen wissen, aber auf jeden Fall schifft es wie aus Eiern an diesem Donnerstag um kurz nach halb 5 am Morgen. Im Dunklen unter den Kapuzen und Regenschirmen fällt es ziemlich schwer irgendjemanden zu erkennen, da könnte eigentlich irgendwer stehen, aber auf die geheime Codefrage nach dem Brustbeutel nicken alle vermummten Gestalten ganz eifrig. Also scheint das hier die richtige Gruppe zu sein. Zum vierten Mal reist eine Gruppe von Merianschülern zu unserer Partnerschule der Lincoln High in Manitowoc Wisconsin.
Immerhin hat der Regen etwas Gutes: Der Abschied fällt sehr kurz und schmerzlos aus. Mit den zwei Taxis geht es reibungslos bis zum Flughafen. Eine fast ungewohnte Tatsache für diejenigen unter den Reisenden die schon einmal dabei waren. Auch die Tatsache, dass der Check-In reibungslos funktioniert ist unglaublich ungewöhnlich. Selbst die erneuten Brustbeutelstichproben und der erste Pünktlichkeitstest gehen zu unserer Zufriedenheit aus. Sehr erfreulich! Sollten vielleicht wirklich Engel und so… Stopp! Viel zu früh um sich hierüber Gedanken zu machen.
Zum Glück hat unser Flieger schon bei seiner Ankunft in Frankfurt Verspätung, denn sonst wäre das mit dem Boarding schwer geworden. Wir sind überpünktlich an der für unseren Abschnitt ausgewiesenen Passkontrolle, aber irgendwie… Die Passkontrolle zieht sich wie Kaugummi und für die Sicherheitskontrolle suche ich grade noch etwas was sich mehr zieht als Kaugummi. Wie tief genau will der eigentlich noch mit seiner Hand!? ICH MÖCHTE DAS NICHT!
Im Vergleich zum letzten Durchgang müssen mit 2 von 16 Personen erstaunlich wenige von uns die zusätzliche Sicherheitskontrolle über sich ergehen lassen. Sollte dies mein Sicherheitsgefühl steigern? Ich bin unsicher. Im beschleunigten Lauftempo auf zum Gate der Kollege vorne – ich hinten. Vorbei an den Duty free shops – flupp wie von einem Magneten angezogen biegt eine Schülerin zu den Handtaschen ab. Unbemerkt vom Rest der Gruppe bringt sie ein Ordnungsruf zurück auf die richtige Route. Wenn Engel reisen? – Zu früh Herr Thomas, zu früh!!
Um mich wieder an die Ausdrucksweise meines Kollegen Herrn Horvath im Englischen zu gewöhnen: „As a matter of fact…“ Eine seiner Lieblingseinleitungen für Gespräche. Anyhow, as a matter of fact hätten wir arge Probleme mit dem Boarding bekommen wenn die Maschine nicht zu spät gekommen wäre.
Auch wenn United Airlines die mit Abstand hässlichsten Uniformen hat die ich in den letzten 15 Jahren gesehen habe, Boarding können sie! Sie bekommen es hin, dass selbst die „Oh ich habe Angst das das Flugzeug ohne mich fliegt-Leute“ in einer Reihe stehen und auf ihren Aufruf warten. Im Flieger bin ich kurzfristig irritiert, aber tatsächlich habe ich drei Sitzplätze für mich und sogar noch ein paar cm Platz vor meinen Knien. Erst später merke ich, aus mir nicht ersichtlichen Gründen sitzen elf von uns in der ECOPlus, beklagen werden wir uns nicht. Der Flug ist vollkommen ereignislos, also kann ich gut 8,5 Stunden in meiner Erzählung springen (sonst heißt es wieder meine Berichte ziehen sich so). Okay...Fußnote zu meinen Gedanken: Kuscheln die Beiden da wirklich?
Auch die Amerikaner können ja Kontrollen die sich mehr ziehen als Kaugummi, hier heißt das Prozedere „Immigration“! Außer Langeweile keine Vorkommnisse und selbst das Gepäck ist vollständig und unversehrt. Der Bus kommt pünktlich, die Fahrt ist ereignislos – halt Moment – die Zwei sitzen ja schon wieder zusammen.
Der Blick aus dem Fenster wirkt so vertraut, es ist ein wenig wie nach Hause kommen. Die Gebäude und Straßen alles ist so vertraut, schon ein wenig schräg. Willkommen an der Lincoln High School! Viel früher als sonst sind wir in Manitowoc angekommen und so kommt es, dass wir mit all unserem Gepäck im Schulgebäude auf das Unterrichtsende und die Gastgeschwister warten. Schwupps sind alle verteilt und auch der Kollege und ich fahren „nach Hause“, so fühlt es sich an.
Der nächste Morgen birgt einen ganz normalen Schultag für uns alle, allerdings beginnen wir mit einer Tour durch die Schule. Gerade in diesen Tagen wurde bekannt, dass die Lincoln High zur schönsten Schule im Staat Wisconsin gewählt wurde. Also haben nicht nur den ältesten, ununterbrochen laufenden Schüleraustausch Hessen-Wisconsin, sondern auch noch das Vergnügen und die Ehre dies mit der Ältesten und schönsten High-School des Staates zu tun.  
Okay, jetzt bricht der kleine Historiker aus mir heraus (Warum habe ich eigentlich grade ein Bild aus dem Film Alien vor dem inneren Auge?). Der Schüleraustausch wurde ab 1992 geplant und 1993 zum ersten Mal durchgeführt (damals noch als Einhard Gesamtschule) und seitdem ist der Kontakt nie abgerissen, unseres Wissens nach ist das einmalig in der Staatenpartnerschaft Hessen-Wisconsin! 2010 wurde der Kontakt von Herrn Fleck an Herrn Horvath und mich übergeben und 2011 waren wir zum ersten Mal hier.
Die Lincoln High wurde 1923 eröffnet und ist älteste existierende High School in Wisconsin im ältesten noch in Benutzung befindlichen Schulgebäude welches im gotischen Stil errichtet ist. Als besonders markant gilt der Turm. *Historiker aus*
Nach der offiziellen Begrüßung durch den Schulleiter der uns ein wenig über das Gebäude, die Schule und die Besonderheiten der Lincoln erzählt und ein paar kleine Geschenke an die Schüler verteilt führt uns der amerikanische Kollege Herr Glandt durch das weit verzweigte Gebäude. Der wesentliche Unterschied zwischen einer deutschen Schule und der Lincoln? Das Erste was den Schülern auffällt: „Hier kann man ja auch Sachen machen die einem Spaß machen!“ In Bezug auf Sport, Musik und Kulturangebote. Dicht gefolgt von: „Die lernen ja sinnvolle Sachen!“ In Bezug auf die Klassen die sich mit Metall- und Holzverarbeitung befassen oder Ernährung und Kinderpflege oder KFZ-Technik oder, oder, oder. Irgendwie etwas was wir immer wieder zu hören bekommen wenn wir hier sind. Das Schulsystem ist halt doch anders, auch wenn man hier ebenfalls nicht um Sprachen und Mathe herumkommt. Auffällig sind sinnvolle Dinge wie Fachlehrerprinzip, gute technische Ausstattung, Schränke für alle Schüler die Liste lässt sich noch eine Weile fortsetzen, aber das ist so frustrierend für uns Lehrer (aber auch für die Schüler in gewissen Punkten).
Insgesamt zeigt sich wieder, dass eine amerikanische Schule nicht mit einer deutschen zu vergleichen ist. Es ist ein wenig als ob man durch die Kulisse eines Hollywoodfilms läuft, riesige Sportanlagen, ein eigenes Schwimmbad, lange Korridore mit Spinten, ein Raum für die Jahrbücher, Schüler im Footballoutfit, eine typische Mensa und, und, und… So viele neue Eindrücke die auf unsere Schüler einprasseln, die Köpfe rucken ständig von links nach rechts – von oben nach unten. Für den Kollegen und mich sind die Gänge vertraut und die Orientierung fällt uns leichter (auch wir verlaufen uns ab und an), aber unsere Schüler sind glaube ich noch hoffnungslos verloren in dem Gebäude.
Nach der Führung verteilen sich die Schüler wieder in alle Himmelsrichtungen im Schulgebäude um sich ihrem ersten amerikanischen Schultag zu widmen und noch mehr neue Eindrücke zu sammeln. Bis zum Potluck am Abend. Für Potluck gibt es kein deutsches Wort, würde man es wörtlich übersetzen wäre es sowas wie „EinAbendessenzudemjederetwasineinemTopfmitbringt“. Eine schöne Tradition bei der unsere Schüler mit den Gastfamilien und uns zusammenkommen um gemeinsam zu Abendessen und sich ein wenig besser kennenlernen. Für uns immer die Chance auch ein großes Dankeschön an die Gastfamilien loszuwerden die unsere Schüler in ihre Familien aufnehmen. Als Höhepunkt des Abends kann eindeutig die Gesangseinlage von Joanna gewertet werden, die trotz ihrer Nervosität die Herzen der Anwesenden im Sturm erobert. Aber auch sonst machen unsere Schüler nur die besten Eindrücke auf die Gastfamilien und umgekehrt. Es ist schon dunkel als wir unsere Schüler und ihre Gastfamilien in ihr erstes gemeinsames Wochenende zu entlassen. Ich bin gespannt was sie am Montag berichten werden!



druckerDruckversion druckerFotogalerie

 

Top