Top

Eine Reise nach Wisconsin - Schüleraustausch aus Lehrersicht - Teil 2

Nicht nur für den Kollegen und mich war es ein spannendes und entspannendes Wochenende mit vielen Eindrücken sondern auch für die Schüler. Ganz unterschiedliche Eindrücke von ihrem Wochenende und ihren Aktivitäten schildern uns die Schüler im Laufe des Tages. Wasserpark, Zoo, Fahrradtour, Shopping, Lagerfeuer, Kino, … viele unterschiedliche Dinge die unsere Schüler am Wochenende erlebt und angestellt haben. Manche Dinge will man ja auch hier nicht ganz so genau wissen. Oh: Liebe Eltern, diesen Satz nicht falsch verstehen! Ich gehe nicht davon aus, dass Ihre Kinder hier Dinge getan haben die sie nicht tun dürfen, sondern viel mehr darum das ich einfach nicht alles wissen will!
Besonderer Punkt in unserem Wochenende war ein gemeinsames Abendessen mit einer ehemaligen Schülerin von Herrn Glandt die auch schon zu Gast bei uns in Seligenstadt war. Ein sehr lustiger Abend und hier die Erkenntnis, manche Kontakte halten lange. Sie hat noch immer Kontakt zu ihrer Gastfamilie, eine tolle Sache. Und einer der Jungs die vor Jahren mit uns in Manitowoc waren hat im vergangenen Sommer sogar seine ehemalige Gastfamilie zu Besuch bei sich in Deutschland gehabt. Auch wenn diese Beispiele für anhaltende Kontakte sehr schön sind, schweife ich doch ab vom eigentlichen Inhalt: Dem Schüleraustausch!
Im Laufe des Schultages sehen wir alle unserer Lieben mindestens einmal im Klassenraum von Herrn Glandt, die feste Anlaufstelle für die Unseren bei diesem Austausch. Während der Mittagspause verwandelt sich der Raum in die Außenstelle der Schulmensa. Es ist schön zu beobachten wie gut sich die Unseren sich untereinander verstehen. Gefällt mir! Vollkommen fasziniert beobachten die Amerikaner den Einsatz von Füller und Tintenkiller, eine hier nahezu unbekannte Kombination aus Schreibutensilien. Gut, wir sind hier ja auch im Land der Druckschrift mit Bleistift oder Kuli.
In den Deutschstunden stellen sich unsere Schüler und/oder der Kollege und ich den Fragen der Schüler rund um Deutschland, dem Leben dort, Schule und Sonstigem. Ganz obligatorisch ist wieder die Einladung des Kollegen an die Deutschschüler den Schüleraustausch zu nutzen und im Sommer mit Herrn Glandt nach Deutschland zu kommen.
Der kommende Morgen beginnt für uns alle mit einer gut 2,5 stündigen Busfahrt in einem typisch amerikanischen Schulbus. Mit dem gelben Ungetüm machen wir uns auf zu unserem ersten Fieldtrip: Dem State Capitol in Madison.
Wer noch nie in einem amerikanischen Schulbus gefahren ist kann sich dies wie folgt vorstellen: Die Beinfreiheit entspricht der Economy Class in einem Billigflieger und die Polsterung ist etwa so bequem wie eine durchschnittliche Parkbank in Deutschland. Die Federung des Gesamtfahrzeuges ist zu vergleichen mit einem Bauchplatscher vom Dreimeterbrett im Schwimmbad. Insgesamt also hoher Fahrtkomfort, aber gut wir müssen dieses Mal keine Busse extra anmieten und nicht selber fahren, auch ein Vorteil. Außerdem können sich die Unseren auf diese Weise ihren Gesprächen hingeben oder ihrer Selfiesucht frönen, wie auch immer.
Schon von weitem sieht man das State Capitol über Madison auftauchen mit seiner dominanten weißen Kuppel. Weiterer Vorteil des Schulbusses: Wir werden direkt am State Capitol rausgelassen und müssen keine Parkplätze suchen und ewig laufen. Inzwischen ist der Himmel vollkommen wolkenfrei und wir können im strahlenden Sonnenschein die ersten Bilder vor dem Gebäude machen, selbstverständlich auch mit Hessenfahne! (Darf ich jetzt eigentlich über „Wenn Engel reisen zumindest nachdenken?) Wir sollten allerdings beim nächsten Casting eine weitere Frage aufnehmen in unseren Katalog: In welche Richtung schaut der Hessenlöwe?
Auch bei meinem vierten Besuch ist das Capitol wieder einmal beeindruckend, dieser massive Kuppelbau mit all seinem Marmor, seinen Lampen und den vielen Dekorationen. Auch die Unseren scheinen zumindest milde beeindruckt vom Gebäude zu sein, es werden Bilder gemachte aber dann ist schnell wieder das größte Problem sich mit dem WiFi-Gästezugang der Capitols zu verbinden (Ende vom Lied: Ging bei keinem, aber sie waren alle beschäftigt und haben die Wartezeit kaum bemerkt). Unsere Führung beginnt in der Rotunda des Capitols und führt uns kreuz und quer durch das beeindruckende Gebäude. Das Capitol ist bereits das Dritte welches an dieser Stelle errichtet wurde und feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag.

Jede verwendete Steinart (43 übrigens), jedes Gemälde, jede Lampe und jede Figur (die Größte ist die goldene Wisconsin Statue auf der Kuppel mit 4,7m) in diesem Gebäude hat seine eigene Geschichte mit oder aus der Geschichte des Staates Wisconsin. Sei es der Geist im Gemälde der Assembly Hall, oder Old Ape oder der Badger neben der stilisierten Wisconsin. Der Badger (dt. Dachs) ist das Wappentier des Staates Wisconsin, welcher auch der „Badgerstate“ genannt wird. Der Dachs ist das Wappentier, weil in der ersten Siedlungswelle zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Siedler die Bleivorkommen in Minen ausbeuteten und wegen ihrer Buddelei den Beinamen „Badger“ erhielten.  *Historiker aus*
Ein Gebäude voller Geschichten also, heute steht es jedem Bürger und Besucher jederzeit zu an 360 Tagen im Jahr das Gebäude ohne Sicherheitskontrollen zu betreten, sich dort aufzuhalten oder zu demonstrieren. Wir sehen einige der bedeutenden Räumlichkeiten dieses Hauses, so auch den Besprechungsraum des Gouverneurs der mit alle seinen Bildern und Schnitzereien schon arg überladen ist. Ob die tiefe Stimme die im Nebenraum telefoniert der Gouverneur ist kann uns unser Guide leider nicht sagen.
Die kurzweilige Führung, zwischendrin glaube ich unser Guide hält uns für grenzdebil oder für doofe Touris, endet auf dem Dach des Capitols. Von der Besucherterrasse aus hat man bei strahlendem Sonnenschein einen grandiosen Blick über Madison und den angrenzenden See. Hier kann man den Schüler in seiner natürlichen Umgebung beobachten, wie er sich seiner Sucht nach dem eindrucksvollsten Selfie für Snapchat oder sonstige Foren hingibt.
Vom Capitol aus holpern wir zur „East Town Mall“, hier besteht neben der Chance etwas zu Essen auch die Möglichkeit zum Shoppen. Lassen wir uns überraschen, wer mehr Tüten zu unserem Bus zurückbringt: Die Damen oder die Herren?
Die Rückfahrt zieht sich wie Kaugummi (ich weiß leider noch immer nicht was sich länger ziehen lässt... Nylon vielleicht!?) und wenn wir einen Becher Sahne im Bus gehabt hätten, so hätten wir am Ende sicher Schlagsahne gehabt. Es gibt ja Dinge die ich nicht verstehen muss, was mir auf dieser Fahrt wieder besonders auffällt. 1) Warum sehe ich beim Blick nach hinten plötzlich nur Schuhe in die Luft ragen und keine Köpfe? 2) Wie kann man sich so lange mit seinem Handy befassen wenn man kein Netz hat? 3) Wieso können Schüler in Bussen nicht sitzen bleiben? 4) Warum zur Hölle fährt der Bus mitten auf dem Highway rechts ran um an einem Bahnübergang zu halten, die Tür zu öffnen um sie dann gleich wieder zu schließen und die Fahrt fortzusetzen? Ach so, die „Shoppingtütenchallenge“ haben die Herren gewonnen!
„Well shaked“ kommen wir am späten Nachmittag wieder in Manitowoc an und ein weiterer „Schultag“ hier endet für uns und die Schüler.
Der Mittwoch ist für uns alle ein normaler Schultag, den wir nutzen um im Deutschunterricht zu sein, mit den Unseren und der Amerikanern zu sprechen, aber auch mein Kollege und ich hospitieren im amerikanischen Unterricht. Ich habe eine Stunde beim Großmeister des amerikanischen Geschichtsunterricht verbracht, unterhaltsam und lehrreich wie stets. Auch wenn er dieses Mal nicht mit Filmsequenzen der Ghostbusters assyrische Geschichte erläutert.
Der erste Bericht ist auf der Homepage, dabei habe ich ihn doch erst vorhin gemailt… (DANKE WOLFGANG!) Einige der Unseren fühlen sich ertappt und andere hoffen, dass ich sie nicht im nächsten Bericht erwähne. Sollen sie sich mal überraschen lassen :-D
Aus der Kategorie „Was machen die Lehrer eigentlich nach der Schule?“: Diesen Abend verbringen wir damit dem Sohn des amerikanischen Kollegen bei seinem Eagles Projekt zu helfen. Also lasieren wir zahlreiche Bänke aus Zedernholz bis in den späten Abend.

„Mountain Man“ heißt unser Programmpunkt für den heutigen Tag. Der Maribel Sportsmen Club bietet dieses Programm für Schulklassen ab dem Grundschulalter an. Zusammenfassend geht es hier um alles was Mann oder Frau zum Überleben in den Bergen oder dem Flachland benötigt. Nach der super Erfahrung vor zwei Jahren haben sich nicht nur die Herren vom Club sondern auch wir auf diesen Tag gefreut. Bei bestem Wetter (irgendwann wird es richtig heiß) durchlaufen unsere Schüler mehrere Stationen auf dem Gelände, Sportarten die wir in Deutschland so in einem Schulprogramm nicht finden würden. Wer hat schon einmal mit einem Feuerstein und Zunder ein Feuer entfacht, einen Baumstamm zersägt mit einem Bogen geschossen oder mit einem Tomahawk geworfen? Auch alle anderen Sportarten sind für unsere Jungs und Mädels zunächst fremd, aber schnell haben sie den Bogen raus und werden zunehmend besser. Alles unter ständiger Aufsicht und Anleitung der rund 20 ehrenamtlichen Helfer des Clubs. Jeder Fortschritt wird mit Freude aufgenommen, wobei es keine Konkurrenzkämpfe gibt. (Wenn Engel und so…?) Wohin man auch schaut nur strahlende und begeisterte Gesichter (Naja, bis auf zwei, aber die schauen ständig unglücklich – seit dem Abflug eigentlich).
Die Herren vom Club geben sich unglaubliche Mühe und freuen sich riesig darüber wie viel Spaß „the Germans“ an ihrem Projekt haben und meine Hostmum freut sich, dass ihr Mittagessen für uns so gut ankommt. Als wir letztlich dann aufbrechen müssen haben wir 12 Schüler am Hacken die versuchen uns zum „länger bleiben“ zu überreden. Aber wir müssen noch die Mietwagen für morgen abholen, also müssen wir die „Drei-Finger-Gang“ wieder nach Manitowoc zurückbringen.
Dichter Nebel wabert um das Haus als ich an diesem Morgen aufbreche und zur Schule fahre. Es ist jetzt schön schwülwarm und die Prognose für den Tag lässt einiges erahnen. Auch wenn mein Hostdad behauptet hat der Nebel bleibt den ganzen Tag, so glaube ich dann doch eher meiner Hostmum. Und sie hat Recht! Schon als ich an der Schule ankomme ist der Nebel verschwunden und die Sonne strahlt vom blauen Himmel. Mit „Monster“ und „Van“ geht es auf die Interstate 43 – North Richtung Green Bay. Ein Besuch auf dem Lambeau Field, dem Stadion der Green Bay Packers steht an. Bevor unsere Tour beginnt wird der Fanshop unsicher gemacht. Erstaunlich was sich alles für ein Zeug verkaufen lässt, so lange es grün-gelb ist oder das Logo darauf prangt. Von der Weihnachtskugel über den Tisch bis hin zu Golfpins gibt es alles mit dem Logo. Wenn die Amis nicht so prüde wären gäbe es auch sicher Kondome mit Logo, aber sowas verkauft man hier eher heimlich unter der Ladentheke. Selbstverständlich gibt es auch jedes erdenkliche Textil- und Bekleidungsstück mit Logo (hier entstehen lustige Gesamtoutfits beim Anprobieren).
Die Tour führt uns durch das beeindruckende Stadion, welches alleine von Ausstattung und Größe seines Gleichen sucht. Von einer der vielen Privatsuiten aus haben wir einen unglaublichen Blick in das Innere des Stadions. Menschenleer schon beeindrucken, ich bin gespannt wie es Sonntag aussieht, wenn der Kollege und ich dort beim Spiel sind! Mit dem Aufzug geht es in die Katakomben des Stadions und von dort aus den gleichen Weg ins Stadion den die Spieler am Sonntag nehmen werden. Mit Blitzlicht, Sound und Jubel aus dem Lautsprecher, die gleiche Kulisse haben auch die Spieler, laufen auch wir in das Stadioninnere. Da alle Spiele seit Generationen immer ausverkauft sind kann man sich denken, was für ein Hexenkessel es sein kann. Dauerkarten werden hier vererbt und die Warteliste hierfür hat aktuell rund 130 000 Namen verzeichnet. Die geschätzte Wartezeit ab heute: 80 Jahre.
Vor der Heimfahrt machen wir einen Abstecher in die nächstgelegene Mall zwecks Mittagessen und weiteren Besorgungen. Hier stechen die Blüten der Prüderie mal wieder ins Auge. Das mit den Gummis habe ich ja erwähnt, aber hier kann man dann plötzlich Dinge in einem ganz gewöhnlichen Geschäft kaufen, die man bei uns nur in speziellen Ü18 Läden bekommen würde. Gehen wir mal nicht weiter darauf ein.
Die Heimfahrt ist geprägt von allgemeinem Interesse für ein Malbuch. Manche Dinge muss ich wirklich nicht verstehen ;-)
Und nun: Auf, auf ins Wochenende!



druckerDruckversion druckerFotogalerie

 

Top