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Eine Reise nach Wisconsin – Ein Schüleraustausch aus Lehrersicht – Teil 3


Nach den Spitzentemperaturen des Jahres für Wisconsin am vergangenen Wochenende ist es heute zum Glück zumindest 5°C kühler. Damit ist es zwar immer noch warm, aber angenehmer. Beim Tailgating gestern vor dem Packersspiel haben der Kollege und ich uns fast das Hirn verbrannt. Falls jemanden die Ausführungen zum Erlebnis eines Footballspiels nicht interessieren, so kann er den nächsten Absatz getrost überspringen.
Ganz wichtig für ein Footballspiel ist es zwischen drei bis vier Stunden vor dem Spiel vor Ort zu sein und vor oder neben seinem Auto zu Grillen, Spielen oder sonstiges. Wir zahlen 25$ dafür, dass wir hinter einem geöffneten Baumarkt parken dürfen, ohne Schatten, dafür mit Toilettenbenutzung. Ein wenig weiter die Straße runter zahlen die Leute schon $ 40 um bei anderen Menschen im Vorgarten parken zu dürfen. Was sehr positiv auffällt ist, dass ich bis zum Ende des Tages keinem einzigen unangenehmen Menschen begegne. Gut vielleicht habe ich diese unter den 80 000 Besuchern nicht einfach nicht gefunden. Die Kulisse ist beeindrucken, die Preise exorbitant, das Spiel abgesehen von den letzten 15-20 Minuten das langweiligste was ich nach Arbeitslehre je erlebt habe, die Atmosphäre ist entspannt. Es wäre in Deutschland undenkbar, dass die Fans der gegnerischen Mannschaften im kompletten Stadion vollständig durchmischt sitzen. Was bei uns sicher Mord und Totschlag gäbe ist hier ganz normal. Ach so, am Ende gewinnen die Packers das Spiel ganz knapp gegen die Bengals.
Kommen wir zu den Interessanten Dingen zurück (also nicht Arbeitslehre), sondern zu unserem Austausch. In der Nacht zu Montag haben Schüler unterschiedlicher Jahrgänge jeweils eine Etage der Lincoln dekoriert. Das Erdgeschoss trägt die Farbe alle Schulsportmannschaften: rot, schwarz und weiß. Alles unter dem Motto „ Ships Pride“ [Alle Mannschaften der Lincoln heißen Ships, da Manitowoc eine große Geschichte als Schiffsbauerstadt hat.] Die „Homecomming week“ hat begonnen und endet Samstag mit dem Ball den wir aber nicht mehr erleben. Für alle die mit Homecomming nicht so vertraut sind (wie ich bis vor zwei Jahren), hier eine kurze Erklärung worum es sich eigentlich handelt: Im Sinne des Wortes bedeutet es die Heimkehr der Ehemaligen, für sie werden von den aktuellen Schülern, insbesondere dem kommenden Abgangsjahrgang, spezielle Sport- und Kulturveranstaltungen gemacht. Ebenso sollen Paraden und ähnliches das Ansehen der Schule ehren und mehren. Höhepunkt der Woche ist der Homecomming-Ball. Allerdings verstehe ich den Aufriss um Homecomming noch immer nicht, auch viele (eigentlich alle) Lehrer sind eher genervt als angetan. Höhepunkt der Unlogik: Homecomming ist für die Ehemaligen, aber am Ball dürfen diese nicht teilnehmen!?
Heute halten die Unseren ihre Präsentationen, einer hat sich schon kotzend krankgemeldet, hoffe dies ist kein böses Omen! Sollte es nicht sein, obwohl es später zu einem zweiten Ausfall kommt. Auch wenn im Eifer des Gefechts mal ein paar Ungereimtheiten auftreten können (Bonn wollte Hauptstadt von Hessen werden, der Friedenspreis des deutschen Buchhandels wird im Kölner Dom verliehen und Darmstadt 98 ist noch immer in der ersten Liga). Zum Glück hatten wir bei der Erstsichtung der Präsentationen zumindest verhindern können, dass der Hauptsitz der UN nach Frankfurt verlegt wird. Ah, die Geschichte Frankfurts beginnt übrigens erst mit der Zerstörung im 2. Weltkrieg.
Je häufiger die Schüler die Präsentationen halten (und das auf Englisch,) umso entspannter werden sie und umso flüssiger sprechen Sie. Die deutschen Schüler haben ja auch fünf Mal die Aufgabe vor bis zu 30 Personen zu präsentieren. Wobei der Eine oder Andere für seine Präsentationsprüfungen ruhig noch etwas üben dürfte!
Die Unseren entwickeln ein spannendes Eigenleben, sind sie auch weiterhin „pflegeleicht“ so sind sie doch anders als die vorangegangenen Gruppen in diesem Austauschprogramm. Die Selfiesucht ist gleich ausgeprägt, auch die Handyfixierung bei freiem WiFi, aber Gespräche über siamesische Giraffen hatten wir noch nicht. Auch einen Gruppenteddy als Maskottchen gab es bisher noch nie! Gemeinsam sind einige der Unseren zu „Build a Bear“ und haben einen Teddy besorgt. Dieser begleitet uns jetzt zu jedem Ausflug.
Viel entspannter ist der Dienstag in dieser Woche. Bequem will ich nicht sagen, weil wir wieder Schulbus fahren aber dieses Mal nur etwas mehr als eine Stunde. Auch Teddy, einen Namen hat er meines Wissens nach bisher nicht, ist wieder mit uns auf dem Weg. Heute nach Milwaukee zum Harley-Davidson-Museum. Dieses Mal haben wir sogar einen Guide der es schafft unsere Schüler nicht zu Tode zu langweilen. Im Gegenteil, er macht es recht kurzweilig. Auch hat sich zumindest ein Teil der Ausstellung ein wenig verändert, so gibt es für mich Neues zu entdecken. (Merkliste für den Fragebogen: „Wer war Elvis Pressly?“) Der spannende Teil dieses Besuches ist immer der, wenn die Schüler auf den Harleys Probesitzen, eine eigene am PC konfigurieren, die Ausmalbilder in der Kinderecke entdecken oder am Automaten ein Spiel aus den 70ern spielen können. 40 000 Bilder und Selfies, sechs Ausmalbilder und einen Abstecher in den Giftshop (auch hier alles mit Logo zu überteuerten Preisen) später brechen wir, im schwül-warmen Nieselregen wieder auf um den lokalen Einzelhandel in einer Großansiedlung zu unterstützen ;-)
Der Mittwoch ist „Rape-my-eyes-day“ oder „Netzhautpeitschentag“. Ich weiß nicht wie man auf so bescheuerte Ideen kommt aber heute läuft alles in Pink und Rosa durch. Warum interessiert mich nicht, will ich nicht wissen, ich halte einfach die Augen geschlossen bzw. lese. [Ok, ich weiß es. Der heutige Mottotag der Homecommingweek ist „Breast Cancer Aware“, also auf Brustkrebs aufmerksam machen.] Eben schon den ersten der Unseren in Pink gesichtet. OMG! Immerhin nicht im pinken Tütü, weil auch darin sind einige unterwegs. Bei aller Kritik, eines muss man ihnen lassen: Die Beteiligung an den Mottotagen ist definitiv um Welten besser als die Versuche bei uns in den vergangenen Jahren!
Strahlender Sonnenschein ist unseren reisenden Engeln (jetzt hab ich es doch geschrieben) vergönnt als wir am nächsten Tag nach Downtown laufen. Auf dem Police Department werden wir bereits von Sergeant Jacobs erwartet. Gemeinsam mit seinem Kollegen gibt er uns einen Einblick in die Ausstattung eines amerikanischen Polizisten und erklärt die Aufgaben und die Gefahren in die sich ein solcher begeben kann. Anschließend erfolgt eine Taser Präsentation inklusive Erklärungsvideo mit Einsatzsequenzen gefolgt von einem Plädoyer über die Vorteile. In der Garage dürfen die Unseren Polizeiausrüstung und einen Polizeiwagen erkunden und Probesitzen, sowohl vorne als auch hinten. In den Gefangenenwagen haben sie 20 französische Austauschschüler reinbekommen, wir schaffen weniger, aber dafür bekommen wir wie beim Kindergeburtstag einen Polizeikuli und eine Kindermarke (Beat the french!).
Aus der einen Tür raus in die Andere rein stehen wir im Fire Department. Hier führt uns Adam Theel durch eine typische kleine Station (4 Personen), erklärt die 24 Stundenschichten, Ausstattung und Einrichtungen sowie die Fahrzeuge (2 Rettungswagen, ein Leiterwagen und ein weiteres Fahrzeug). Innerhalb von kurzer Zeit wird eine der Damen in eine komplette Feuerwehrausstattung gesteckt die sie mal eben um über 20kg schwerer macht.
Einen kleinen Fußweg weiter sind wir am Maritime Museum angekommen. Hier wartet die USS Cobin auf uns, ein U-Boot aus dem zweiten Weltkrieg. Eine Führung bringt uns in das Innere des U-Boot welches in einem Seitenarm des Lake Michigan liegt. Beim Betreten weiß ich wieder warum die Marine mich nicht wollte, alles so niedrig. In diesem beengten Raum wird den Unseren ziemlich deutlich wie unkomfortabel 14 Tage mit knapp 70 Personen, bei 30°C ohne Rauchverbot und ohne Privatsphäre gewesen sein müssen. Schräg finde ich allerdings noch mehr den Gedanken, dass das einige der Unseren in ihrem aktuellen Alter damals schon ihren Dienst dort hätten leisten können/müssen.
Damit endet unser letzter regulärer Schultag in Manitowoc und wir entlassen die Unseren in den letzten Nachmittag/Abend mit ihren Gastfamilien und ihren neuen Freunden. Morgen früh ist unsere Zeit hier schon wieder vorbei und es geht es nach Chicago!



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